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US-Analysten verkauften privat Aktien, die sie offiziell zum Kauf empfahlen

Die amtierende Chefin der US-Börsenaufsicht SEC, Laura Unger, hat in einer Studie Vorwürfe gegen Analysten bestätigt gefunden. Sie erläuterte die Ergebnisse gestern vor einem Ausschuss des US-Kongresses.

pga/tmo/Dow Jones FRANKFURT / DÜSSELDORF / WASHINGTON. Laut Unger erwarb ein knappes Drittel der 57 kontrollierten Analysten vorbörslich Aktien von Unternehmen, die ihre Bank später an die Börse brachte. Nach dem Parkettdebüt trennten sie sich zum Teil mit hohen Gewinnen von den Anteilen. Vorbörsliche Aktienausgaben (Private Placements) werden häufig nur ausgewählten Anlegern angeboten. Der Anteilspreis liegt oft weit unter dem späteren Börsenkurs.

Drei der überprüften Analysten verkauften Titel, die sie zu diesem Zeitpunkt offiziell zum Kauf empfahlen. Sie realisierten dabei Gewinne von 100 000 $ bis zu 3,5 Mill. $.

Der deutsche Finanzprofessor Wolfgang Gerke geht davon aus, dass in Deutschland ähnliche Geschäfte stattfinden. Sie würden nur selten aufgedeckt, weil bislang entsprechende Kontrollmechanismen fehlten. "Die Fakten aus den USA zeigen, dass wir in Deutschland dringend einen Analystenkodex und schärfere Gesetze brauchen", sagte Gerke. Er hat einen derzeit diskutierten Ehrenkodex für Analysten und Journalisten mit entworfen. Sabine Reimer, Sprecherin des Bundesaufsichtamts für den Wertpapierhandel (BAWe) bestätigte, ihre Behörde habe nicht die rechtlichen Mittel für eine Untersuchung wie die der SEC. Das BAWe dürfe einzelne Depots nur in Verdachtsfällen prüfen.

Die US-Börsenaufsicht kontrollierte 57 US-Analysten von neun Banken, die von 1999 bis 2000 die meisten US-Börsengänge von High- Tech-Unternehmen begleiteten. In dieser Zeit erreichte das New-Economy-Fieber seinen Siedepunkt. Vor US-Politikern sagte SEC-Chefin Unger, die zugegebenermaßen kleine Stichprobe liefere dennoch Hinweise auf größere Probleme. Zwar scheine nur eine Minderheit der Analysten aus ihrem Fachwissen privaten Nutzen zu schlagen. "Aber eine solche Minderheit reicht, um bestehende Regeln stärker durchzusetzen", sagte Unger.

Der Leiter der Research-Abteilung bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, Andrew Lockhart, hält organisatorische Maßnahmen für notwendig, um Interessenkonflikte zwischen Analysten und anderen Bankabteilungen auszuschließen. Ebenso wichtig sei es jedoch, dass die Analysten mögliche Interessenkonflikte erkennen und ernst nähmen. "Die Compliance-Richtlinien müssen gelebt werden", sagte Lockhart gestern vor Journalisten in Frankfurt. Dazu gehöre beispielsweise, dass der private Handel mit Aktien eines Analysten nicht im Gegensatz zu seinen Empfehlungen stehe. Lockhart wandte sich dagegen, Analysten generell den Handel mit Aktien zu verbieten, die sie berufsmäßig verfolgen. "Ich denke aber, das muss jeder Analyst selbst entscheiden", ergänzte Lockhart.

Ein solches Handelsverbot haben kürzlich Merrill Lynch und Credit Suisse First Boston eingeführt; es ist auch im geplanten deutschen Analystenkodex vorgesehen.

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