US-Anleger verkaufen Aktienfonds und investieren in Geldmarktfonds: Amerikanische Aktienkultur wankt

US-Anleger verkaufen Aktienfonds und investieren in Geldmarktfonds
Amerikanische Aktienkultur wankt

Die Vereinigten Staaten, das Mutterland der Aktienkultur, hat im vergangenen Jahr einen Kulturschock erlebt: Erstmals seit 1988 zogen Anleger mehr Mittel aus US-Aktienfonds ab als sie einzahlten. Und der Trend hält an, prognostizieren Experten. Gefragt sind derzeit vor allem sichere Geldmarktpapiere und gewöhnliche Giro- und Sparkonten.

NEW YORK. Teuer kaufen und billig verkaufen. So lautet doch die goldene Anlegerregel - oder war?s umgekehrt? Die neueste Statistik für US-Fonds scheint ersteres Motto zu bestätigen. Wie der Branchenverband Investment Company Institute (ICI) in Washington am Donnerstag mitteilte, verbuchten US-Aktienfonds im Dezember Netto-Abflüsse von 7,75 Mrd. $.

Im Gesamtjahr 2002 zogen Anleger erstmals seit 1988 mehr Geld aus amerikanischen Aktienfonds ab als sie einzahlten. "Viele US-Investoren denken grundsätzlich neu über ihre Haltung zu Aktien nach", sagt Anlagestrategin Sarah Franks, die für das US-Investmenthaus Merrill Lynch die Fondsbranche beobachtet. Die alte Mentalität, bei sinkenden Kursen auf "Schnäppchenjagd" zu gehen, sei einer tiefen Verunsicherung gewichen.

Für die US-Fondsbranche und die Aktienmärkte verheißt dieser Wandel nichts Gutes. So verbuchten in den USA zugelassene Aktienfonds laut der neuen ICI-Statistik Rückzahlungen in Höhe von 27,1 Mrd. $ in 2002. Dies und der anhaltende Bärenmarkt sorgten dafür, dass das Vermögen der Aktienfonds um gut 20 % fiel - auf 2,7 Bill. $.

Dagegen erzielten Anleihe- und Geldmarktfonds Kursgewinne, und sie verzeichneten zudem hohe Mittelzuflüsse. Doch die Gebühren, die Fondsanbieter mit Bond- Geldmarktprodukten verdienen, sind wesentlich niedriger als bei Aktienfonds. Inzwischen halten die Amerikaner fast genau so viel Geld in super-sicheren Geldmarktpapieren wie in Aktienfonds (Grafik). Im Mutterland der viel beschworenen Aktienkultur wankt die Rolle der Aktie als langfristige Vermögensanlage Nummer Eins - zumindest statistisch gesehen.

Trotzdem: Einen tief greifenden Wandel im Anlageverhalten der Amerikaner mag Brian Reid, von ICI noch nicht diagnostizieren: "Die US-Anleger reagieren bislang genau so, wie sie das seit vielen Jahren tun", sagt der Volkswirt des Branchenverbandes, dem mehr als 9 000 Fondsgesellschaften angehören. Wenn die Börsen stark fielen, sei die Nachfrage nach Aktienfonds stets gesunken. Die Abflüsse seien bislang sehr moderat im Vergleich zu 1988, als US-Anleger nach dem legendären Börsencrash vom Herbst 1987 in Scharen aus Aktienfonds flohen. "Das ist überraschend, da der Kurssturz seit 2000 wesentlich gravierender ist als die vorübergehende Baisse Ende der 80-er Jahre", sagt Reid.

Falls die Märkte sich einige Monate hintereinander erholen, sollten die Zuflüsse in Aktienprodukte wieder anziehen, so der ICI-Volkswirt. Merrill-Strategin Franks ist skeptischer, was eine baldige Rückkehr der Investoren angeht. "Momentan sieht es eher so aus, als würde sich der negative Trend des Vorjahres fortsetzen", sagt sie.

Traditionell werten manche Bankstrategen Mittelzuflüsse für Geldmarktfonds als positives Signal für die Börsen. Denn das kurzfristig geparkte Geld warte nur darauf, an den Börsen angelegt zu werden, sobald die Märkte sich erholen. Die zusätzliche Nachfrage könne dann den Aufwärtstrend verstärken. "Das trifft aber nur auf einen sehr kleinen Teil der Mittel in US-Geldmarktfonds zu", meint ICI-Volkswirt Reid. Seine statistischen Untersuchungen ergaben, dass das Volumen dieser Anlageklasse kaum von der Börsenlage abhängt.

Der Trend zu mehr Sicherheit zeigte sich auch in den jüngsten Quartalszahlen vieler Banken. So profitierten Citigroup, Chase Manhattan und Bank One von kräftigen Zuwächse bei den guten, alten Spareinlagen. Selbst Merrill Lynch, das führende US-Wertpapierhaus, sprang auf den Zug auf und bietet neuerdings herkömmliche Giro- und Sparkonten an. Dank der schnell wachsenden Kundeneinlagen konnte die Bank ihre kurzfristige Kapitalaufnahme an den Bondmärkten bereits stark zurückfahren.

Für US-Fondshäuser könnten jedoch harte Zeiten zukommen. Sie leiden ohnehin unter dem Wertverlust ihrer Aktienportfolios. Die Analysten von Morgan Stanley raten bei dieser Branche generell zur Vorsicht. Sie bewerten die Aktien des Anbieters T. Rowe Price mit "Untergewichten" und des Technologieaktien-Spezialisten Janus Capital Group mit "Gleichgewichten".

Quelle: Handelsblatt

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