US-Anwälte sprechen von 104 Vergleichen
Bayer einigt sich mit ersten Lipobay-Klägern

Die Bayer AG pocht weiter auf ihre Unschuld bei möglichen schweren Nebenwirkungen ihrer einstigen Star-Arznei Lipobay. Dennoch gibt der Konzern in Einzelfällen den Klagen nach.

HB/bef DÜSSELDORF. Die Bayer AG hat sich mit mehreren Klägern im Fall Lipobay auf einen Vergleich geeinigt. Der Leverkusener Konzern habe sich nach sorgfältiger Abwägung von Einzelfällen zu diesem Schritt entschlossen, sagte ein Sprecher. Nach Darstellung der von Klägern eingeschalteten US-Anwälte seien zehn Vergleiche unter Dach und Fach, weitere 94 würden in dieser Woche bekannt gegeben.

Bayer habe sich in jedem Fall zur Zahlung von 200 000 $ bereit erklärt, sagte der Chicagoer Anwalt Kenneth Moll gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Bayer kommentierte diese Zahlen nicht. Auch der Anwalt, der den Chemie- und Pharmakonzern in Chicago vertritt, bestätigte nur, dass Vergleiche getroffen worden seien und über die Lösung anderer Fälle noch gesprochen werde.

Rund 2000 Klagen

Bayer sieht sich nach der Rücknahme seines Blutfett senkenden Medikaments Lipobay rund 2000 Klagen von Patienten ausgesetzt, die das Mittel genommen haben. Der Konzern hat die in den USA unter dem Namen Baycol vermarktete Arznei im August 2001 freiwillig vom Markt genommen. Grund: Die Einnahme von Baycol wird mit 100 Todesfällen in Verbindung gebracht. Das Mittel kann bei Patienten eine gefährliche Muskelschwäche (Rhabdomyolyse) auslösen, wenn es zusammen mit dem ebenfalls als Cholesterinsenker verwendeten Wirkstoff Gemfibrozil eingenommen wird.

Bayer betont stets, dass vor der Gefahr der zusammenhängenden Wirkung beider Mittel in der Packungsbeilage von Baycol gewarnt worden sei. Ärzte hätten dies missachtet und die Arzneien weiter zugleich verschrieben. Der Konzern sieht daher kein eigenes Verschulden.

Auch die jüngsten Einigungen mit Klägern seien kein Schuldeingeständnis, unterstrich der Bayer-Sprecher. Zu den Gründen, warum sich Bayer auf die Vergleiche eingelassen habe, wollt er sich nicht äußern. Offenbar steht dies aber in Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankungen. "Wenn Anwälte Kläger vertreten, die während der Einnahme von Baycol an Rhabdomyolyse erkrankt sind, reden wir mit ihnen über ihre Forderungen - und zwar ohne, dass wir damit eine Schuld unsererseits eingestehen", sagte Bayer-Anwalt Adam Hoeflich gegenüber Bloomberg.

Schätzungen zufolge haben rund 700 000 Patienten Baycol eingenommen. Bayer wies jedoch Darstellungen der gegnerischen Anwälte als "nicht nachvollziehbar" zurück, wonach ein Zehntel der Patienten an Rhabdomyolyse erkrankt sei.

Testfälle für weitere außergerichtliche Vergleiche

Für Anwalt Moll sind die jüngsten Einigungen Testfälle für weitere außergerichtliche Vergleiche. Wie viel die Bayer AG letztlich insgesamt zahlen muss, ist völlig offen. "Entscheidend für die Schuldfrage ist, für wie fahrlässig die Gerichte Bayers Handeln im Fall Baycol halten", schreibt die Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB) in einer Studie. Die Kläger werfen dem Konzern vor, er habe nicht genug Sicherheitstests mit Baycol gemacht und Berichte über Nebenwirkungen zurückgehalten. Bayer dementiert dies.

Laut CSFB fürchten Anleger mögliche Schadenersatzzahlungen von Bayer in Höhe von 5 bis 6 Mrd. Euro - dies sei im momentanen Aktienkurs des Konzerns von rund 21 Euro bereits eingepreist. Die Analysten geben selbst keine ernsthafte Schätzung über mögliche Zahlungen ab. Sie gehen aber nicht davon aus, dass Bayer so viel wie einst Konkurrent American Home Products (heute Wyeth) zahlen muss. Der US-Konzern musste vor wenigen Jahren infolge von Klagen wegen heftiger Nebenwirkungen seiner Schlankheitspille "fen phen" rund 13 Mrd. $ Schadenersatz zahlen. Laut CSFB mussten in diesem Fall anders als bei Lipobay hohe Kosten für die lebenslange Betreuung und gesundheitliche Versorgung der geschädigten Patienten eingerechnet werden.

Bayer pocht darauf, dass kein eigenes Verschulden im Fall Lipobay vorliegt und hat daher keine Rückstellungen für etwaige Schadenersatzzahlungen gebildet. Für die Zahlungen aus den jüngsten Vergleichen kommen überwiegend die Produktversicherer des Unternehmens auf - darunter der Kölner Gerling-Konzern.

Quelle: Handelsblatt

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