US-Aufsicht steckt in Vertrauenskrise
Der neue SEC-Chef tritt ein schweres Erbe an

Auf eine lange Schonzeit darf William Donaldson, der neue Vorsitzende der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC), nicht hoffen. Wenn der Wall-Street-Veteran, dessen Ernennung am vergangenen Donnerstag vom US-Senat abgesegnet worden war, in diesen Tagen sein Washingtoner Büro bezieht, muss er zunächst jede Menge Altlasten seines Vorgängers Harvey Pitt aus dem Weg räumen, bevor er eigene Kartons auspacken kann.

sia/wsj WASHINGTON. Die Behörde, deren Ruf nach dem lang hingezogenen Rücktritt Pitt ramponiert ist, muss schnell wieder arbeitsfähig werden. Es gilt, das Vertrauen der Investoren wiederherzustellen, das nach den zahlreichen Bilanzskandalen, den Enthüllungen über Interessenskonflikte in den Research-Abteilungen der Investment-Banken und dem Kurseinbruch am Aktienmarkt am Boden liegt. Fünf Punkte stehen ganz oben auf der Agenda:

  1. Da ist zunächst die Einsetzung einer Aufsicht über die Wirtschaftsprüfer (Accounting Oversight Board). Dieses Gremium hatte bereits sein Vorgänger Pitt ins Leben gerufen. Doch die Ernennung eines umstrittenen Vorsitzenden, der schon kurz nach Inthronisierung wieder zurücktrat, hatte der neuen Instanz gleich von Anfang an allen Schwung genommen. Donaldson muss nun einen neuen Vorsitzenden finden, der auch von den vier anderen Mitgliedern des Boards, im Kongress und im Weißen Haus akzeptiert wird. Und dann geht die Arbeit erst richtig los: Zusammen mit dem neuen Mann muss Donaldson daran gehen, neue Richtlinien zu erarbeiten, um die Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfer zu sichern. Diese Richtlinien schreibt das nach den Bilanzskandalen des vergangenen Jahres erlassene Sarbanes-Oxley-Gesetz vor. Pitt hatte bei der Umsetzung dieses Gesetzes das Vertrauen der Regierung verloren. Ihm wurde wurde vorgeworfen, er sei unter dem Druck der Wirtschafts- und Anwalts-Lobby allzu zaghaft vorgegangen.

  2. Die SEC muss sich unter der neuen Führung als respektable Aufsicht am Markt etablieren. Der Wall-Street-Veteran Donaldson, der früher die New York Stock Exchange geleitet und die Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette mitgegründet hatte, muss beweisen, dass ihm - anders als seinem Vorgänger - die Kontakte zu früheren Kollegen und Weggefährten, nicht im Weg stehen.

  3. Auch muss die SEC den Wettlauf mit dem ambitionierten New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer für sich entscheiden. Spitzer war der SEC bei der Aufklärung von Interessenkonflikten im Investment-Banking immer wieder zuvor gekommen und hatte die Behörde durch spektakuläre Beweisfunde blamiert. Dem Kongress versprach Donaldson, die SEC zur wichtigsten Instanz zur Durchsetzung des Aktienrechts zu machen und keine "Balkanisierung" unter den Marktaufsehern zu dulden.

  4. In den Research-Abteilungen der Investmentbanken muss der Interessenkonflikt der Analysten ausgeräumt werden. Die SEC, andere Aufsichtsbehörden und Börsen arbeiten derzeit an einem Lösungsentwurf für die großen US-Banken. Unter Donaldson hat die SEC zu entscheiden, wie tief die Trennung von Research und Investment-Banking gehen soll.

  5. Investmentfonds und Hedge Funds bedürfen einer strengeren Marktaufsicht. Hierum hatte Pitt sich zu seiner Amtszeit noch nicht gekümmert. Donaldson hatte in seiner Antrittsrede gesagt, ihn beunruhige das Risiko, das die Hedge Funds für kleinere und weniger versierte Investoren bedeuteten. Mit einer schnellen Lösung auf diesem Gebiet könnte Donaldson die Kleininvestoren beruhigen - ein Schritt auf dem Weg, das Anlegervertrauen in die Finanzmärkte wieder her zu stellen.

  6. Dazu kommt noch die SEC selbst. Für den Ausbau seiner Behörde hat das Weiße Haus dem neuen SEC-Chef eine ordentliche Budget-Erhöhung genehmigt. Doch das allein wird nicht reichen. Die SEC muss auch strukturell umgebaut werden, um ihrer Wächterfunktion nachzukommen. Die große Kritik am Vorgänger Pitt hat das Image des Hauses ebenso ramponiert wie die Moral der Mitarbeiter. Donaldson muss also auch seine eigenen Leute überzeugen, dass sie nicht für einen zahnlosen Tiger sondern eine respektable Aufsicht arbeiten.

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