US-Außenminister Powell in Pakistan – Islamische Staaten kritisieren Krieg in Afghanistan
Anti-Terror-Koalition beginnt zu bröckeln

Die US-Angriffe auf Ziele in Afghanistan gehen auch in der zweiten Woche mit unverminderter Intensität weiter. Gleichzeitig wird die Kritik am Vorgehen der USA in mehreren islamischen Ländern lauter. Neben Pakistan gehen auch Saudi-Arabien und Malaysia auf vorsichtige Distanz zu Washington.

bi/HB ISLAMABAD. Pakistan hat zum ersten Mal indirekt Kritik an der Kriegsführung der Amerikaner geübt, und das am Tag des Besuches von US-Außenminister Colin Powell in Islamabad. Riaz Mohammad Khan, Sprecher des Außenministeriums, wies gestern die Bezeichnung "Terroristen" für die im Nachbarland regierende Taliban-Bewegung zurück. "Die Taliban sind keine Terroristen. Wir haben sie nie als Terroristen betrachtet", sagte er. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass der Krieg der USA gegen Afghanistan nur von kurzer Dauer sein werde.

Weitere kritische Töne kommen aus Saudi-Arabien. Das saudische

Herrscherhaus ist nach eigenen Angaben "nicht glücklich" über die US-Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan. "Wir hatten gehofft, dass die USA die Terroristen aus Afghanistan vertreiben würden, ohne dass das geschehen würde, was wir jetzt sehen, wo es viele unschuldige Opfer gibt, die keine Verantwortung tragen", sagte Innenminister Prinz Naif Ibn Abdelasis in Riad. "Das afghanische Volk ist nicht in seiner Gesamtheit schuld an dem, was geschehen ist", sagte er.

Die saudische Führung habe gehofft, dass sich die Militäraktion der Amerikaner "auf die Terroristen selbst und ihre Unterstützer konzentriert", fügte der Prinz hinzu. Saudi-Arabien hatte die Terroranschläge in den USA scharf verurteilt. Eine Benutzung der Luftwaffenstützpunkte in Saudi-Arabien für Angriffe auf Afghanistan wurde Washington jedoch nach offiziellen Angaben aus Riad nicht gestattet.

Malaysia hat die USA gestern gewarnt, sie sollten in ihrem Kampf gegen den internationalen Terrorismus vorsichtig vorgehen, um die gemäßigten moslemischen Staaten nicht zu destabilisieren. Außenminister Syed Hamid Albar sagte, Malaysia unterstütze den amerikanischen Kampf gegen den Terrorismus, sei aber gegen die Luftangriffe auf Afghanistan wegen der Opfer unter der Zivilbevölkerung.

US-Außenminister Powell traf am Montag Abend zu einem Arbeitsbesuch in Islamabad ein. Laut pakistanischen Angaben sprach er mit Präsident Pervez Musharraf über die Fortsetzung der Militärkampagne. Dabei sollte es auch um innenpolitische und humanitäre Konsequenzen des Krieges gehen.

Die USA haben ein großes Interesse an einer Spannungsminderung zwischen Pakistan und Indien, um den Zusammenhalt der Anti-Terror-llianz nicht zu gefährden. Der Besuch in Islamabad ist auch eine Anerkennung für die Frontstaatenrolle, welche Pakistan trotz innenpolitischem Widerstand übernommen hat. Er bedeutet auch eine Stärkung von Präsident Musharraf vor dem Hintergrund der andauernden Straßenproteste.

Islamische Parteien hatten für Montag zu einem Generalstreik aufgerufen. Der Streikaufruf wurde in den Städten an der Grenze und in Karachi weitgehend befolgt, in Islamabad und in Lahore hingegen blieben viele Geschäfte offen. Die gewalttätige Demonstration vom Sonntag rund um die Luftwaffenbasis von Jacobabad zeigt aber, dass die Stimmung in Pakistan unbeständig ist. Bei andauernden Luftangriffen gegen Afghanistan könnte sie kippen.

Präsident Musharraf ist sich bewusst, dass eine vorzeitige Beendigung der Angriffe aus der Luft die militärische Kampagne insgesamt noch verlängern könnte. In Islamabad gibt es sogar Stimmen, die sich für eine zeitliche Ausdehnung der Angriffe aussprechen. Die Logik dieses Arguments liegt in der Verzögerung, die eine Offensive der Nord-Allianz dabei erleiden würde.

Auch in Islamabad wird darüber spekuliert, was die Allianz bisher davon abgehalten hat, im Schutz der Luftschläge die Taliban-Front nördlich von Kabul anzugreifen. Verteidigungsexperten wie Naseem Zera meinen, dass die Nord-Allianz auf viele Fronten verzettelt ist. Für Andere liegt der Grund in der mangelnden Synchronisierung zwischen militärischen und politischen Zielen durch die USA. Die USA müßten befürchten, dass ein militärischer Zusammenbruch der Taliban-Regierung erfolgen könnte, bevor eine politische Lösung greifbar ist. Dies würde ein Machtvakuum schaffen. Islamabad hofft, dass die USA auch auf Pakistan Rücksicht nehmen, das aus seiner Abneigung gegen die Nord-Allianz keinen Hehl macht.

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