US-Banken haben über Jahre verdient und unseriöse Management-Methoden übersehen
Fall Enron bringt Wall Street ins Zwielicht

Nach dem Motto "alles geht, solange der Kurs brummt" haben Analysten und Kreditprüfer beim unseriösen Geschäftsgebahren der Firma Enron beide Augen zugedrückt. Hauptsache die Provisionen stimmten.

HB hus/wsj NEW YORK. Der Fall Enron ist für amerikanische Investoren zu einem Déjà-vu-Erlebnis geworden. Als hätte die Wall Street nach dem Platzen der High- Tech-Spekulationsblase nichts dazugelernt, entpuppt sich jetzt die größte Pleite in der US-Geschichte als neues Kapitel im unappetitlichen Zusammenspiel zwischen Investmentbankern, Wertpapier- Analysten und den Kreditabteilungen großer Institute mit Topmanagern, deren Geschäftsgebahren unseriös wenn nicht sogar kriminell gewesen ist. "Enron ist ein typisches Beispiel für alles, was während der Börseneuphorie falsch lief, sagt William Fleckenstein, von der gleichnamigen Vermögensverwaltung mit Sitz in Seattle

.

Nach der Methode "alles geht, solange der Aktienkurs brummt", haben Analysten und Kreditprüfer offenbar beide Augen zugedrückt; Hauptsache Zins- und Provisionseinnahmen aus dem weitverästelten Imperium mit seinen vielen Geschäftszweigen stimmten. Der Schaden - geplatzte Kredite in Höhe von ca. 40 Mrd. $ - ist von den Banken zum großen Teil selbstverschuldet, glauben Experten. "Es fällt schwer, jetzt Mitleid mit den geschädigten Banken zu haben", sagt Rechtsprofessor Frank Partnoy von der San Diego School of Law, der früher Händler für Derivate war. "Es sind die gleichen Banken, die das Spiel begannen und am Aufbau der Partnerschaften intensiv beteiligt waren." Die Geprellten sind aber wieder einmal die Anleger und Tausende Enron-Beschäftigte, die als Folge des Enron-Kurs-Verfalls einen Großteil ihrer Ersparnisse verloren haben.

Eine lange Reihe großer US-Geschäfts- und Investmentbanken hat für Finanzmittel und die richtige psychologische Stimmung gesorgt, die nötig waren, um aus dem kleinen Kraftwerksbetreiber Enron den siebtgrößten Konzern der Nation und den größten Energiehändler des Landes zu machen. Allein 214 Mill. $ haben Wall-Street-Firmen an Emissionsgebühren für Aktien und Schuldtitel kassiert. Dazu kam ein Vielfaches dieser Summe an Zinseinnahmen, Handelsprovisionen und Gebühren für Fusionsbetreuungen. Von Citibank bis Lehman Brothers, alle haben vom Aufstieg des Enron-Konzerns profitiert (siehe Tabelle). Ein Heer von hochbezahlten Bankern hätte eigentlich sehen müssen, dass der Konzern überschuldet war und sich fragwürdiger Rechnungslegungs-Methoden bediente.

Über eine Unzahl von internationalen 50%-Beteiligungen an Kraftwerks - Betreibern, Brokern, Eigentümern von Erdgasleitungen hatte der frühere Enron-Chef Andrew Fastow einen weitverzweigten Konzern geschaffen, ohne dass die Schulden dieser Partnerschaften in der Bilanz erschienen. Der Grund: Nach amerikanischen Rechnungslegungs-Vorschriften müssen die Schulden aus Partnerschaften bis 50 % nicht aufgeführt werden. Zudem nutzte Enron eine Gesetzeslücke, wonach der Konzern als Umsatz im Energiehandel statt der eingenommenen Gebühren das gesamte zu Grunde liegende Geschäft als Basis nehmen konnte. Einen ähnlichen Fall hatte es bereits im Fall des Internet-Händlers Priceline.com gegeben, der statt der Vermittlungsgebühr für einen Flug stets den Preis für das Flugticket als Umsatzgröße verwendete. So verzeichnete der Enron-Konzern einen Umsatz von 101 Mrd. $ im Jahr 2000 und erschien damit weit größer, als er war. Zum Vergleich: Der Handels-Umsatz der Investmentbank Goldman Sachs beträgt 6,5 Mrd. $. Die Banker großer Häuser wie Citigroup oder Morgan Chase, die jeden neuen Kredit überprüften, scheinen die unseriösen Methoden bei Enron nicht weiter gestört zu haben.

Wie wenig sich seit dem Platzen der Tech-Blase geändert hat, zeigen auch die Kommentare der Analysten. Ihre Häuser haben am Verkauf der Enron-Aktien an Investoren Millionen verdient. Bis zum 17. Oktober, als die erste Sonder-Abschreibung von 1,2 Mrd. $ bei Enron bekannt wurde, hatte beispielsweise David Fleischer von Goldman Sachs die Aktie auf der Kaufliste. Noch bis vor wenigen Tagen stufte er Enron als "market-perform", also als Papier ein, das ähnlich gut abschneidet wie die Konkurrenz. Richard Gross von der Investmentbank Lehman Brothers hatte für Enron bis vor kurzem sogar noch eine starke Kaufempfehlung abgegeben, berichtet die New York Times. Auch der Wertpapier-Analyst von J.P.Morgan Chase hatte Enron noch bis zum Herbst auf der Kaufliste. Da war der Kurs schon von knapp 85 $ auf unter 20 $ gefallen. Derzeit handelt Enron um die 68 Cents.

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