US-Banken
Kommentar: Wall Street zahlt die Zeche

Für die großen amerikanischen Investmentbanken an der Wall Street geht eines der bittersten Jahre ihrer Geschichte zu Ende.

Seitdem die Spekulationsblase an den Börsen geplatzt ist, geht es mit der Branche steil bergab: Der Handel mit Aktien ist dramatisch eingebrochen, der Markt für Neuemissionen ist ebenso ausgetrocknet wie das lukrative M&A-Geschäft mit Fusionen und Übernahmen.

Zusätzlich wird die Wall Street von Skandalen gebeutelt, die mehr ihren Ruf als den Geldbeutel geschädigt haben. Analysten lieferten Gefälligkeitsgutachten ab, ausgewählte Kunden wurden bei der Neuausgabe von Aktien bevorzugt, und Banker machten sich zu schweigenden Komplizen von Bilanzfälschern.

Die Not ist so groß, dass die einstige Königsdisziplin der Banken auf das Massengeschäft mit Konsumentenkrediten und Hypothekendarlehen angewiesen ist, um über die Runden zu kommen. Universalbanken wie die Citigroup und JP Morgan Chase konnten so ihre Schwäche im Investmentbanking teilweise ausgleichen. Lehman Brothers und Bear Stearns stützten sich auf ihr traditionell starkes Anleihegeschäft. Andere wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley suchten ihr Heil vor allem in Kostensenkungen, sprich Entlassungen und Gehaltskürzungen. In den letzten 21 Monaten haben 68 000 Banker ihren Job an der Wall Street verloren. Einen derart großen Stellenabbau hat es in den letzten 25 Jahren nicht mehr gegeben.

Wer wie Morgan Stanley bei diesem Anpassungswettlauf nach unten zu zögerlich zu Werke ging, zahlt jetzt die Zeche. Zum neunten Mal in Folge ist bei Morgan der Quartalsgewinn zurückgegangen. Und das, obwohl die Bank im vierten Quartal mit 2 200 Stellen mehr Arbeitsplätze als jemals zuvor abgebaut hat. Das sei eben nicht genug gewesen, heißt es lapidar an der Wall Street.

Auch das kommende Jahr dürfte für die Branche schwierig werden. Ein Krieg gegen den Irak könnte den zarten Börsenfrühling schnell beenden. Insbesondere dann, wenn ein neuer Ölpreisschock die wirtschaftliche Erholung in den USA zunichte macht. Eine Rückkehr zu den goldenen Zeiten der 90er-Jahre wird es für die Investmentbanken jedoch auch im besten Fall nicht geben. Wie andere Branchen auch muss das Bankgewerbe seine Kapazitäten und Gewinnerwartungen an eine Marktsituation anpassen, die nicht mehr durch eine ansteckende Gier aufgeblasen ist.

Die Zahl der Fusionen und Übernahmen wird in den nächsten Jahren auf niedrigem Niveau verharren. Zwar gibt es in vielen Industrien nach wie vor einen hohen Konsolidierungsbedarf. Die Bilanzskandale haben jedoch den Appetit der Manager auf Zukäufe deutlich gemindert. Alte Tugenden wie finanzielle Solidität und organisches Wachstum stehen derzeit höher im Kurs als Übernahmeabenteuer.

Ein neuer Wettlauf von jungen Unternehmen an die Börse ist ebenfalls nicht zu erwarten. Ganz im Gegenteil. Viele Firmengründer scheuen den enormen Regulierungsaufwand, der durch die harsche Reaktion der Aufsichtsbehörden nach der Skandalwelle entstanden ist. "Going private" könnte das Motto des nächsten Jahres werden. Für Investmentbanker gibt es dabei kaum etwas zu verdienen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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