US-Besatzer regieren ein mittelalterliches Land
Netz der Vergangenheit

Die wirklichen Abgründe des Systems von Saddam Hussein haben sich erst nach seinem Fall aufgetan. Wer in diesen Tagen den Irak bereist, ist erschrocken über die Flut der persönlichen Tragödien, welche die Menschen mal herausschreien und mal still beweinen. Kaum eine Familie hat die Herrschaft des Diktators ohne schmerzliche Verluste erlebt. Deshalb vergeht kaum eine Begegnung, in der nicht von Verschwundenen, Exekutierten, Gefolterten oder Gefangenen die Rede ist.

BAGDAD. Die Anlässe für den Horror waren oft banal: Da kritisierte einer die Invasion in Kuwait, da verweigerte ein anderer der Staatspartei die Gefolgschaft, oder man befand sich schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort - wie etwa viele Schiiten in Basra, an denen mehrfach willkürlich Exempel statuiert wurden. Oder wie viele Kurden in Kirkuk, die Opfer der Vertreibungspolitik wurden.

Es ist deshalb nur normal, dass die Iraker wenige Wochen nach dem Regimewechsel vor allem mit ihrer Vergangenheit und mit der Organisation ihrer familiären Angelegenheiten beschäftigt sind. Und: Der Irak war zumindest in den letzten zehn Jahren weitgehend kommunikationslos. Die Menschen wussten nicht mehr viel von der Welt außerhalb ihrer Grenzen. Gleichzeitig waren sie einem Trommelfeuer stupender Propaganda ausgesetzt. Die Neuorientierung verläuft daher chaotisch und wirr.

Natürlich versuchen nun Schiiten und Sunniten, Kurden und die bunte Mischung der Exiliraker, in diesem Vakuum ihre Vorstellungen zu platzieren. Darunter tummeln sich auch einige unlautere Gestalten, die aus der Situation Kapital schlagen wollen. Naivität, Nichtwissen und die jahrelange Indoktrination haben dem den Boden bereitet. Der Prozess der Meinungsbildung im Irak wird also lange dauern.

Die Besatzung durch Amerikaner und Briten trägt zur Verwirrung bei. Denn die US-Militärmaschinerie trifft auf ein Land, das außerhalb der Städte beinahe noch mittelalterlich verfasst ist. Das gilt sowohl für das Fortschrittsniveau wie für die Sozialstruktur. Auf dem Land regiert die Zugehörigkeit zur Sippe. Und selbst in einer Metropole wie Bagdad gibt es Viertel, die weit von der Moderne entfernt sind. Viele Iraker stehen deshalb fassungslos vor dem, was sich in ihrem Land abspielt. Die USA verkörpern nicht nur enorme Militärmacht, sondern auch die Gegenwart des 21. Jahrhunderts.

Nach den ersten Wochen bleibt der Eindruck, dass Amerikaner und Briten ebenfalls erst nach und nach erfassen, worauf sie sich eingelassen haben. Dass dem Zusammenbruch eines totalitären Systems ein großes Chaos folgen würde, konnten Soziologen vorhersagen. Dass die USA den Plünderern nicht Einhalt geboten haben, nicht einmal dort, wo dies mit minimalem Aufwand möglich gewesen wäre, ist nicht zu verstehen. Wer am Ölministerium in Bagdad vorbeifährt, das gänzlich unversehrt geblieben ist und streng von US-Truppen kontrolliert wird, während rundherum noch immer größtes Durcheinander herrscht, muss schon böse Absicht vermuten. Dieses Vorgehen ist nicht intelligent, sondern es schürt antiamerikanische Ressentiments, die sich nun bereits auf den Straßen artikulieren.

Besatzer und Besetzer sind in diesen Tagen meilenweit voneinander entfernt - auch wenn der militärische Sieg nun ausgerufen ist. Doch jetzt erst beginnt die eigentliche Arbeit im Irak.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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