US-Börsenaufsicht untersucht Wettbewerb
Kritik an Ratingagenturen nimmt zu

Just zur Hauptversammlung von Thyssen-Krupp ließ die US-Ratingagentur Standard & Poor?s (S&P) die Bombe platzen. Der Traditionskonzern habe die Bonität eines verlässlichen Schuldners verloren, urteilten die S&P-Analysten. Begründung: eine nicht unumstrittene Neubewertung der Pensionsverpflichtungen. Konsequenzen: Der Aktienkurs brach ein, und die Note "Ramsch-Status" verteuert die Finanzierung des Unternehmens. Kein Wunder, dass Konzernchef Ekkehard Schulz die Ratingagentur scharf kritisierte. Auch andere deutsche Manager sind auf die Bonitätswächter nicht gut zu sprechen. Diese Kritik haben deutsche Politiker aufgegriffen und bemängeln, wenige Ratingagenturen hätten immensen Einfluss, einen stark amerikanischen Blickwinkel und träfen bisweilen intransparente Urteile.

FRANKFURT/M. Nun warten die Politiker mit Spannung auf den Ausgang der Prüfungen durch die US-Börsenaufsicht SEC. Sie untersucht, ob bei der Arbeit von Ratingagenturen Interessenskonflikte vorliegen. Kritiker bemängeln, dass die Agenturen von den Unternehmen bezahlt werden, die sie bewerten. Auch der US-Kongress hat sich des Themas angenommen. Den Parlamentariern geht es um die Frage, wie unabhängig und genau die Bonitätswächter von Moody?s, Standard & Poor?s (S&P) und Fitch bei ihren Bewertungen vorgehen. Zudem untersuchen Kongress wie Börsenaufsicht den Wettbewerb auf dem Markt für Ratinganbieter, der sehr stark von S&P und Moody?s beherrscht wird. Die Ergebnisse der SEC-Untersuchungen sind noch nicht bekannt.

"Wir und das Bundesfinanzministerium beobachten mit Interesse, was die SEC herausfindet, und werden das Ergebnis auch für deutsche und europäische Zusammenhänge auswerten", sagt Joachim Poß, finanzpolitischer Sprecher der SPD. Rainer Wend (SPD), Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Bundestags, pflichtet ihm bei: Die Untersuchungen seien notwendig, da die Urteile der Agenturen nur begrenzt aussagekräftig seien, dennoch aber "eine enorme Bedeutung" im Markt hätten. Er fügt hinzu: "Unsere europäischen Traditionen kommen mir beim Rating nicht ausreichend zum Ausdruck. Man muss nicht alle Unternehmenskennzahlen durch die anglo-amerikanische Brille sehen und bewerten." Er habe in den vergangenen Wochen viele Gespräche zu diesem Thema geführt, auch mit den Ratingagenturen. "Dennoch behalte ich eine gewisse Skepsis", sagt Wend. Mit dem deutsch-amerikanischen Zerwürfnis in der Außenpolitik und dem Irak-Krieg habe die Diskussion aber nichts zu tun. Zur Lösung des Problems regt Wend die Schaffung einer europäischen Agentur an. "Staatlich verordnen kann man das nicht."

Agenturen und Marktbeobachter zeigen aber wenig Verständnis für die Äußerungen der Volksvertreter. "Die meisten Politiker haben vom Ratinggeschäft keine Ahnung und geben sich wenig Mühe, es zu verstehen", sagt ein Beobachter. So hätten die Beamten im Bundesfinanzministerium bisher wenig Bereitschaft zum Gespräch gezeigt. Die Etablierung weiterer Ratingagenturen im Markt sei schwierig, da die großen Agenturen einen Reputationsvorsprung hätten.

"Ratingbranche in Europa ist noch jung"

Jürgen Berblinger, Geschäftsführer der Ratingagentur Moody?s, reagiert gelassen auf die Kritik: "In Europa ist die Ratingbranche eben noch ziemlich jung. Europa braucht eine gewisse Gewöhnungsphase, die Aufregung legt sich wieder", sagt er. Gar nichts übrig hat er für die Kritik, die Ratingagenturen seien zu amerikanisch geprägt: "Moody?s hat eine europäische Identität. Bei uns entscheiden Europäer über europäische Unternehmen." Die Kritik rühre aus der schwierigen Phase an den Kapitalmärkten her. "Momentan kommen auf eine Heraufstufung eines Unternehmens fünf Herabstufungen. Das liegt an der schwierigen Konjunkturlage und dem Kreditzyklus."

Bei den Entscheidungen sei die Unabhängigkeit der Entscheidungen absolut gewährleistet, sagt Wolfgang Draack, Senior Vice President bei Moody?s Deutschland: "Bei uns trifft kein Analyst eine Entscheidung alleine. Das wäre viel zu riskant. Um Fehlentscheidungen und Parteilichkeit zu vermeiden, trifft ein Ratingausschuss aus mindestens vier Personen die Entscheidung über eine Bewertung." Außerdem dürfen die Analysten keine Aktien oder Anleihen von Unternehmen besitzen, die von Moody?s bewertet werden.

Jens Schmidt-Bürgel, Geschäftsführer von Fitch Deutschland, sagt: "Auch wir machen unsere Fehler. Wir treffen lediglich eine Aussage zum Kreditrisiko von Unternehmen." In einer globalen Wirtschaft könne eine Ratingagentur zudem nicht rein europäisch sein, kontert er die Kritik. Fitch gehört zum französischen Mischkonzern Fimalac.

Hintergrund der Untersuchungen der SEC und des US-Kongresses sind die spektakulären Pleiten der US-Konzerne Enron und Worldcom - trotz guter Bonitätsnoten.

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