US-Demokratin Nancy Pelosi
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Wenn diese Frau lächelt, dann wird sie erst richtig bissig: Nancy Pelosi, Sprecherin der Demokraten im US-Repräsentantenhaus, verpackt ihre Attacken auf den politischen Gegner gerne in oberflächliche Freundlichkeit. Doch ihre Worte ätzen.

WASHINGTON. Etwa wenn sie die Republikaner als unmoralisch und korrupt, den Präsidenten als "inkompetent" bezeichnet und die Regierung bezichtigt, ein "kriminelles Unternehmen" zu leiten. Bislang ist Pelosi nur die Führerin der Minderheit im Repräsentantenhaus. Doch sollten die Demokraten bei der Wahl in der kommenden Woche die Mehrheit gewinnen, dann wäre Pelosi die designierte Mehrheitsführerin. Nach Präsident George W. Bush und dessen Vize Dick Cheney würde die 66-Jährige zur drittwichtigsten Politikerin der USA aufsteigen.

Diese Aussicht macht die Republikaner sichtlich nervös. In einer Reihe von heftigen Angriffen malten sie in den letzten Tagen das Schreckgespenst eines von Pelosi geführten Repräsentantenhauses an die Wand.

Wie angesichts dieser Schlammschlacht Pelosi und Bush nach der Wahl miteinander auskommen wollen, lässt sich nur schwer vorstellen. Die Dame aus Kalifornien selbst scheint sich darüber nicht allzu große Sorgen zu machen. "Wir sind doch alle Profis", sagte sie in einem längeren Interview der ABC Fernsehsendung "60 Minutes". Zudem wolle sie "Anstand und Höflichkeit" ins Haus zurückbringen. Dass ausgerechnet Pelosi dieses Vorhaben anstrebt, verblüfft so manchen Beobachter.

Vor vier Jahren wählten die Demokraten Nancy Pelosi zur ihrer Sprecherin. Zum ersten Mal rückte damit eine Frau in diese wichtige Position. Erfahrung brachte sie dafür mit, vertritt sie doch seit 1987 den achten Distrikt Kaliforniens mit seinem Zentrum San Francisco. Wie so viele andere US-Politiker kommt sie aus einer traditionellen Politikerfamilie. Ihr Vater, Thomas D?Alesandro Jr. war selbst jahrelang Kongressabgeordneter in Maryland und Bürgermeister von Baltimore. Gemeinsam mit ihrem Mann, der mit Immobiliengeschäften sein Geld verdient, verfügt die Familie über rund 25 Mill. Dollar - ebenfalls kein unwichtiges Kriterium für eine erfolgreiche Politikerkarriere. Als ihre Sprecherin hat sie die demokratischen Abgeordneten mit großer Autorität geführt. Die Zahl der Abtrünnigen bei Abstimmungen war so gering wie seit den 50er-Jahren nicht mehr. Ihrer eisernen Strategie war es auch zuzuschreiben, dass Bush mit seiner Reform der sozialen Sicherung scheiterte.

Als Abgeordnete vertritt Pelosi nicht nur einen der liberalsten und sichersten demokratischen Wahlkreise der USA. Pelosi hat mit ihren Standpunkten zu Abtreibung, Waffenbesitz, Irak oder der Steuerpolitik auch stets versucht, ihre Klientel zu bedienen - auch wenn dieser das oft noch nicht genügend liberal oder links war. So forderten die Linken gegen Bush ein Amtsenthebungsverfahren wegen dessen Irak-Politik. Doch dazu war Pelosi - trotz starker Worte gegen den Präsidenten - nicht bereit.

Zwar ist sie im Wahlkampf zu einigen ihrer Positionen auf Distanz gegangen, wie etwa bei der Befürwortung der Homo-Ehe. Doch die Republikaner hat dies nicht davon abgehalten, das Szenario eines von Pelosi geführten Abgeordnetenhauses zu beschreiben: Pelosi stehe für höhere Steuern, unbeschränkte Einwanderung, Schwäche gegenüber der terroristischen Gefahr und Feigheit in Sachen Irak. Persönliche Injurien kommen dazu: So muss sie seit langem Kommentare über ihre teure Kleidung, ihre betonte Weiblichkeit und ihren gelegentlich hölzernen Sprachstil ertragen.

In "60 Minutes" bemerkte sie lapidar: "Ich habe eine dicke Haut. Ich mache mir nichts daraus, was sie über mich sagen." Der konservative Journalist William F. Buckley findet genau das alarmierend. "Wenn es keine Rolle mehr spielt, was die Politiker über sich sagen, dann geben wir unsere Ideale auf." Und fordert: "Wenn es stimmt, dass die Republikaner korrupt und unmoralisch sind, sollten sie ausgewechselt werden. Wenn nicht, dann sollte man sie nicht so nennen."

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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