US-Firmen sind viermal größer als Eurolands Konkurrenz
Europäische Industrie noch im Rückstand

Beflügelt vom Börsenboom und einem wachsenden öffentlichen Interesse ist auch die europäische Biotech-Industrie im vergangenen Jahr stark vorangekommen.

DÜSSELDORF. Der Umsatz der führenden 50 Unternehmen der Branche (nach Börsenkapitalisierung) stieg im Durchschnitt um rund ein Drittel auf zusammen knapp 5 Mrd. Euro. Und die bisher vorliegenden Daten zum 1. Quartal 2001 sprechen dafür, dass die Branche auch in diesem Jahr deutlich zweistellig expandieren wird. Gemessen an der Umsatzentwicklung scheint die Branche also gegenüber der US-Konkurrenz aufzuholen, die aber nach wie vor noch einen erheblichen Vorsprung hält.

Gemessen an Umsatz und Börsenwert sind die Top-50-Firmen in den USA derzeit etwa viermal so groß wie die Europäer. Allerdings wird der wirtschaftliche Rückstand der Europäer gegenüber den US-Firmen damit nur unzureichend abgebildet. Auch die Umsatzzahlen überzeichnen die vermeintliche "Aufholjagd" der Europäer.

So ist zum einen natürlich zu berücksichtigen, dass die Gruppe der führenden 50 Unternehmen in den USA lediglich ein Sechstel der börsennotierten Biotechfirmen repräsentiert. In Europa stellt die vergleichbare Führungsgruppe dagegen bereits die Hälfte aller Biotechs an der Börse. Zudem wird europäische Spitzengruppe von einer Reihe von Unternehmen geprägt, die nur bedingt mit den typischen Biotechfirmen zu vergleichen ist. Dazu gehört zum einen die spanische Zeltia sowie die schweizer Serono-Gruppe, die bereits über eine Basis und Historie im klassischen Pharmageschäft verfügten, ehe sie sich Biotechnik zuwandten. Zum anderen sind das Unternehmen wie die britische Celltech und Shire sowie die irische Elan-Gruppe, die ihre heutige Position in erster Linie durch erfolgreiche Akquisitionsstrategien aufbauten. Insbesondere Elan war besonders aktiv - und auch erfolgreich - darin, klassische Pharmafirmen zu übernehmen und dadurch zu expandieren. Hinter den Umsatzsteigerungen verbergen sich zum Teil Zukäufe. Und viele Analysten ordnen Firmen wie Shire und Elan nicht mehr dem Biotech-Sektor zu, sondern den sogenannten Pharmaspezialisten.

Tabelle der Biotech-Unternehmen in Euroland

Amerikanische Biotechfirmen hielten sich dagegen mit Zukäufen im klassischen Pharmabereich stark zurück. Hier kam es vielmehr zu Übernahmen in umgekehrter Richtung: Große Pharmakonzerne haben bereits mehrere profitable Biotechfirmen übernommen. So etwa wurde Agouron vor zwei Jahren von Warner-Lambert erworben, Centocor von Johnson & Johnson. J&J ist derzeit auch dabei Alza zu kaufen. Der Branchenvergleich wird also insofern verzerrt, als in den USA erfolgreiche Biotechfirmen aus der Branche herausgekauft, in Europa dagegen Pharmafirmen in das Biotech-Segment eingekauft wurden.

Diese Unterschiede in der Strategie resultieren zum Teil aus der unterschiedlichen Ausgangsposition: Da sie in aller Regel wesentlich später starteten haben europäische Biotech-Unternehmen bisher nur einige wenige eigene Produkte bis zur Marktreife entwickelt. Zu den wenigen Ausnahmen gehören vor allem Serono und die britische Celltech. Und bis die ersten größeren Biotech-Produkte aus europäischen Labors auf den Markt kommen, werden voraussichtlich noch zwei weitere Jahre vergehen. Die meisten europäischen Biotech-Firmen können daher vorerst ein operatives Geschäft im Pharmabereich nur aufbauen, indem sie etablierte Pharmaaktivitäten oder Produkte einkaufen - wie es zum Beispiel auch die deutsche Rhein Biotech mit dem Erwerb der Impfstoffe von Korea Green Cross getan hatte.

Europäer verdienen weniger

Eng verbunden mit dem Rückstand in der Produktentwicklung ist der Rückstand der Europäer in der Ertrags- und Finanzkraft. Die Top-US-Biotechfirmen verdienen in der Summe nicht nur sechs mal so viel wie die führenden 50 Europäer. Sie haben auch eine deutlich günstigere Liquiditätsentwicklung. Das resultiert einerseits natürlich aus ihrer wesentlich höheren Selbstfinanzierungskraft im operativen Geschäft, andererseits aus den sehr hohen Zuflüssen über die Ausgabe neuer Aktien. Während sich der Liquiditätsverbrauch der 50 führenden Europäer 2000 per Saldo verdoppelte, hat die Spitzengruppe der US-Biotechbranche ihren Liquiditätsüberschuss dank der hohen Erträge von Amgen, Genentech & Co noch vergrößert.

Dabei war die günstige Börsenlage auch für die Europäischen Biotechfirmen durchaus ein Segen und wurde von fast 40 Unternehmen für Börsengänge genutzt. Mehr als drei Millionen Euro neuer Mittel allein für die Top 50 stellen für die Branche einen neuen Rekord dar. Lässt man die bereits Cash-positiven Unternehmen einmal außen vor, haben die führenden europäischen Biotechfirmen noch für etwa fünf Jahre Geld, und sind damit im historischen Vergleich in sehr guter Verfassung. Allerdings werden sie diese Mittel in den meisten Fällen auch benötigen, um ihr Geschäft überhaupt soweit auszubauen, dass es sich selbst trägt. Und mindestens ein Drittel aller börsennotierten Biotech-Firmen in Europa dürfte in den kommenden Jahren darauf angewiesen sein, den Kapitalmarkt noch ein weiteres Mal anzuzapfen.

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