US-GAAP, IAS und HGB: Gerangel um die Bilanzierung

US-GAAP, IAS und HGB
Gerangel um die Bilanzierung

Während an deutschen Hochschulen noch eifrig das HGB gelehrt wird, setzen sich die internationalen Standards wie US-GAAP (Generally Accepted Accounting Principles) und IAS (International Accounting Standards) immer mehr durch. Doch eine Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen ist nahezu unmöglich.

DÜSSELDORF. Das International Accounting Standards Committee (IASC) - ein freiwilliger Zusammenschluss von über 100 Berufsverbänden aus 80 Ländern - hat die International Accounting Standards formuliert. Ein wesentlicher Bestandteil von IAS ist die Bilanzierung nach "Fair Value". Die Orientierung am tatsächlichen Wert ist eine Abkehr vom "Niederstwertprinzip" des HGB, das dem Gläubigerschutz Rechnung trägt. Allerdings ist die Feststellung des "fairen Werts" wiederum kritisch anzusehen. Denn es existieren Ermessensspielräume wie zum Beispiel bei der Bildung von Rückstellungen, die eine Vergleichbarkeit erschweren. Unternehmen, die ihre Aktien an der Wall Street einführen wollen, wenden vorwiegend die in den USA geltenden Generally Accepted Accounting Standards (US-GAAP) an.

Während die Globalisierung der Wirtschaft kontinuierlich voranschreitet, kommt die Harmonisierung der Rechnungslegungn kaum vorwärts. Die IASC versucht zwar, einen Konsens zu erreichen. Die Bemühungen scheiterten bisher aber am Widerstand der Amerikaner, die US-GAAP zum globalen Standard erheben wollen.

Der Gesetzgeber hat dem Trend zur Internationalen Bilanzierung Rechnung getragen und das Kapitalaufnahme-Erleichterungsgesetz vom 20.04.98 verabschiedet. Verankert ist es in dem neuen § 292a HGB. Börsennotierten Gesellschaften ist demnach unter bestimmten Voraussetzungen gestattet, ihre Konzernabschlüsse nur nach international anerkannten Rechnungslegungs-Vorschriften aufzustellen. Bisher war die zusätzliche Erstellung und Veröffentlichung eines Konzernabschlusses nach den Regeln des HGB Pflicht.

Die US-GAAP wurden nie vollständig niedergeschrieben. Vielmehr sind sie eine lose Sammlung, die sich in der Bilanzierungspraxis durchgesetzt hat. "Die Gaap sind sehr vielschichtig und kaum nachzulesen, weil sie vor allem aus dem privaten Wissen einiger Fachleute bestehen", stellt Wolfgang Ballwieser, Professor für Rechnungslegung an der Münchner Ludwig Maximilians-Universität, fest. Die Vorteile der US-Standards liegen dabei laut Ballwieser auf der Hand. Die Richtlinien enthalten weniger Wahlmöglichkeiten als das deutsche HGB und sind anlegerorientiert, während das HGB sich eher am Interesse der Gläubiger ausrichtet.

Die amerikanische Rechnungslegung folgen dem "overriding principle", das heisst, es besteht die Pflicht, gegebenenfalls auch bei Abweichung von Einzelvorschriften ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild zu vermitteln ("true and fair view"). Die Standards werden überdies durch Berufsorganisationen und die Börsenaufsicht entwickelt, während in Deutschland der Gesetzgeber die Normen bestimmt.

Nach einer Entscheidung des für den Bilanzierungsstandard US-GAAP verantwortliche Gremium FASB dürfen Unternehmen, die Jahresabschlüsse nach den Regeln der US-GAAP aufstellen, den Goodwill nicht mehr regelmäßig abschreiben. Dafür soll die Bilanz durch einen Impairment- (Wertminderungs-) Test einmal jährlich überprüft werden. Stellen die Wirtschaftsprüfer eine Wertminderung fest, muss eine Sonderabschreibung vorgenommen werden. Das Problem: Eine Bewertung des Goodwill ist sehr schwierig und unterliegt subjektiven Einschätzungen. Wirtschaftsprüfer lagen in der Vergangenheit oft daneben. Sie zeichneten auch Bilanzen von Unternehmen wie Flowtex und Balsam ab, gegen die später Betrugsverfahren eingeleitet wurden.

Goodwill entsteht, wenn der Käufer mehr bezahlt als das in der Bilanz ausgewiesene Kapital der Gesellschaft. Damit honoriert dieser in der Regel immaterielle Werte wie beispielsweise ein funktionierendes Management oder schon erreichte Marktanteile.

Nach HGB, IAS und den EU-Bilanzrichtlinien muss der Goodwill weiterhin abgeschrieben werden. Europäische Konzerne, die auch auf dem US-Markt tätig sind, sind daher in Zukunft dazu verpflichtet, für beide Systeme ein Ergebnis auszuweisen. Für Privatanleger ist damit das Chaos perfekt. Es ist ziemlich unsinnig, Unternehmen zu vergleichen, die nach verschiedenen Standards bilanzieren.

Da Goodwill-Abschreibungen als Aufwand in die Gewinn- und Verlustrechnung eingehen, belasten sie das Ergebnis. Umgekehrt führt der Wegfall zu einem Gewinnanstieg. Dies bedeutet, dass bei Unternehmen mit hohen Goodwill-Posten in der Bilanz (Beispiele: Deutsche Telekom, Vodafone, Fresenius Medical Care) bei einer Umstellung auf die US-Standards entsprechende Aufwendungen in Milliardenhöhe wegfallen und unter dem Strich der Gewinn entsprechend explodieren würde

Eine Vergleichbarkeit von Gesellschaften, die nach verschiedenen Standards bilanzieren, ist damit nicht mehr gegeben. Kennziffern wie zum Beispiel das KGV verlieren ihre Bedeutung, da die Ergebnisse steigen, obwohl sich am operativen Geschäft der Unternehmen nichts geändert hat. Für Unternehmen, deren Rechnungslegung sich an HGB oder IAS ausrichtet, befürchten Experten, dass diese beim Gewinnausweis durch die neue Regelung in einen Wettbewerbsnachteil geraten können.

Um die neue Regelung ist eine kontroverse Diskussion entbrannt. Der deutsche Vertreter im IASB, dem Standard setzenden Gremium für die IAS, Hans-Georg Bruns, jedenfalls plädiert für die neue Impairment-Abschreibung. Er kritisiert die Regelabschreibung: "Die Nutzungsdauer des Goodwills ist auf Grund seines heterogenen Charakters nicht bestimmbar. Die planmäßige Zuordnung von Aufwendungen ist somit wirtschaftlich nicht begründet und stellt eine reine Willkür dar." Karlheinz Küting, Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes, kritisiert die neue US-Regelung. "Die Konzeption geht von der zweifelhaften Annahme aus, dass der Goodwill kein abnutzbarer Vermögenswert ist. Sie wirft schwierige Fragen der Umsetzung auf, erschwert die Bilanzierung, die Bilanzanalyse und die Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen."

Besonders chaotisch ist die unterschiedliche Rechnungslegung bei Versicherungen. Holdings wie der Allianz Konzern veröffentlichen ihre Zahlen nach US-GAAP, deren Tochtergesellschaft Allianz Leben ist allerdings dazu verpflichtet, einen Abschluss nach HGB aufzustellen. Das HGB sieht für Versicherungen vor, dass sie ihre Aktienbestände im Umlaufvermögen bilanzieren müssen, während für Banken das Analagevermögen vorgeschrieben ist.

Das hat zur Folge, dass Versicherungen dazu verpflichtet sind, ihre Aktien nach dem sogenannten Niederstwertprinzip auszuweisen. Das bedeutet, dass diese zum Einstandskurs (Kaufpreis) in den Büchern stehen. Liegen die Notierungen zum Abschlussstichtag unter diesem Kurs, sind Abschreibungen notwendig, die die Bilanzen der Unternehmen belasten.

Um das zu vermeiden, könnten Versicherer dazu übergehen, sich von diversen Aktienpaketen zu trennen und damit die Märkte zusätzlich unter Druck zu bringen. Denn die Beteiligungen der Versicherer sind erheblich. Sie stehen mit 400 Milliarden DM in den Büchern und verfügen über einen aktuellen Marktwert von 700 Milliarden DM, ein Drittel der Marktkapitalisierung des gesamten deutschen Aktienmarkts. Fraglich ist indes, ob die Versicherungen bereit sind, zu historisch eher niedrigen Kursen ihre Aktien auf den Markt zu werfen. Ferner ist deren Anlagestrategie langfristig, da viele Anteilsscheine durch die Prämienzahlungen aus langfristigen Verträgen mit den Versicherten finanziert sind.

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) fordert aufgrund der angespannten Situation an den Weltbörsen eine Gleichbehandlung von Banken und Versicherungen in der Bilanzierung von Aktienvermögen, um die Kapitalmärkte zu stabilisieren. Bisher war die Sonderregelung für Versicherungen immer aus steuerlichen Gründen begrüßt worden, als die Kurse noch stiegen. In der gegenwärtigen Situation hat sich dieser Vorteil aber in Luft aufgelöst. Zwar ist es bis zur Angleichung der verschiedenen Bilanzierungs-Standards nur noch eine Frage der Zeit. Doch bis dahin dürfte noch Konfusion unter den Anlegern vorherrschen.

DMEuro.com Analyse:

Es ist kein Problem, beim Hin und her um die korrekte Bilanzierung den Überblick zu behalten. Berücksichtigen Sie bei Unternehmensvergleichen einfach den Cash Flow anstatt des Nettogewinns. Der Cash Flow ist eine von Bilanzierungsstandards unbeeinflusste Erfolgsgröße. Beachten Sie beim Cash Flow aber auch, dass sich dieser durchaus gegenläufig zum Nettogewinn entwickeln kann. So kann der Cash Flow nach einer Investition ansteigen, der Nettogewinn sinkt aber aufgrund von Abschreibungen auf die Investition.

Quelle: DMEuro

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