US-Großbank erwägt, Analystenabteilung abzuschaffen
Streit um "Chinese Walls"

Bruce Harting hatte sich auf ein kurzweiliges Wochenende gefreut. Der auf Hypothekenbanken spezialisierte Analyst der US-Investmentbank Lehman Brothers wollte vor zehn Tagen nach Schottland fliegen und beim traditionellen Golfturnier seines Hauses in Gleneagles antreten. Das exklusive Treffen gilt als Geheimtipp unter den Bankenchefs, die dort bislang alljährlich mit Lehmans Investmentbankern und Analysten an ihrem Handicap arbeiteten.

Doch Harting blieb in New York. Wenige Tage vor dem Abflug erteilte ihm die Rechtsabteilung Reiseverbot. Weil er Analyst ist, weil in Gleneagles auch Investmentbanker golften und weil die amerikanischen Banken derzeit kaum etwas mehr fürchten als zu enge Kontakte zwischen diesen beiden Berufsgruppen. Die erste Großbank spielt deshalb bereits mit dem Gedanken, ihre Analystenabteilung abzuschaffen.

Der Grund für die neue Vorsicht sind die Skandale der vergangenen Jahre. Analysten hatten Aktien gezielt zu positiv bewertet, um ihren Kollegen im Investment-Banking das Geschäft mit den betroffenen Unternehmen zu erleichtern. Das funktionierte so lange hervorragend, bis der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer sich der Sache annahm. Er fand in Tausenden E-Mails Belege dafür, dass Aktienexperten der Öffentlichkeit schön gefärbte Empfehlungen gegeben hatten - und erhob Klage gegen einige der Beteiligten.

Jetzt herrscht in der New Yorker Finanzszene tiefe Verunsicherung darüber, was erlaubt ist und was nicht. Und seit sich die zehn führenden Wall-Street-Häuser und die US-Behörden Ende April auf ein "global settlement" - eine Art Vergleich - einigten, ist die Verwirrung nur noch größer geworden.

Dokument ist schwammig formuliert

Eigentlich sollte die Übereinkunft den Streit um die "Chinese walls" beenden, also die "chinesischen Mauern", die Analysten und Investmentbanker trennen sollen. Aber das Dokument ist schwammig formuliert. Die Banken gestehen ihre Schuld nicht, sie leugnen sie aber auch nicht und zahlen 1,4 Milliarden Dollar für die Fehltritte ihrer Analysten. Das Grundproblem bleibt unangetastet. Die großen Investmenthäuser dürfen weiterhin Analysten und Investmentbanker unter einem Dach beschäftigen.

Nur bitte fein sauber getrennt, und das ist in der Praxis nicht so einfach. Reilly Tierney etwa, Analyst beim Investmenthaus Fox-Pitt Kelton, sitzt im 40. Stockwerk eines Bürogebäudes in Manhattan. Ein paar Flure weiter, aber auf der gleichen Etage, arbeiten seine Kollegen aus dem Investment-Banking.

Einmal die Woche treffen sich Analysten und Investmentbanker, um Informationen auszutauschen. Aber was bislang häufig ein ungezwungener Plausch war, muss jetzt bei der Rechtsabteilung angemeldet werden - damit die Juristen einen Aufpasser schicken können. Der bankinterne Rechtsexperte passt auf, dass die beiden Gruppen keine Insiderinformationen austauschen oder den anderen ins Geschäft hineinreden. "Früher haben wir uns zwischendurch auch mal auf einen Kaffee getroffen", sagt Tierney, "aber das geht jetzt nicht mehr. Wir können ja nicht jedesmal einen Justiziar dazuholen."

Freie Kapazitäten wegen der Marktflaute

Die Aufpasser, im Wall-Street-Jargon Compliance-Officer, sind knapp bei den großen Banken, die Hunderte Analysten und Investmentbanker beschäftigen. Einige Häuser helfen sich bereits, indem sie Juristen aus dem Investment-Banking in die neue Wachhund-Abteilung versetzen. Die Experten für Übernahme- und Fusionsverträge haben ja wegen der Marktflaute gerade freie Kapazitäten.

Einige Banken gehen in ihrem Bemühen um Sauberkeit so weit, dass sie die chinesische Mauer auch in die Computernetzwerke einbauen: Bei den Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley etwa ist jeder E-Mail-Verkehr zwischen den beiden Abteilungen blockiert. Jede Mail, und sei der Inhalt noch so harmlos, wird an den Absender zurückgeschickt.

Es geht nicht nur darum, die Behörden zu besänftigen. Viel mehr als die Staatsanwälte fürchten die Institute milliardenschwere Anlegerklagen. Bereits jetzt steht jede namhafte Bank vor Dutzenden von Verfahren. Private und professionelle Investoren fordernVerluste zurück, die ihnen angeblich durch schön gefärbte Analysen entstanden sind.

Nicht betroffen von den Vorwürfen sind nur die Analysten, die bankintern arbeiten. Sie beraten zum Beispiel Fondsgesellschaften und den Eigenhandel der Institute, und ihre Studien gelangen nur selten an die Öffentlichkeit.

Während des Börsenbooms hatten viele Analysten den Bankkunden nur einen Ratschlag gegeben: "kaufen". So empfahl zum Beispiel die weltgrößte Bank Citigroup am 29. Januar 2001 von genau 1 179 bewerteten Aktien keine einzige zum Verkauf. Lediglich ein Titel erhielt das Urteil "underperform", "unterdurchschnittlich". Diese Statistik fand Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer in einer der bankinternen E-Mails, die seine Mitarbeiter auf unsaubere Interessenkonflikte hin durchforsteten.

Analysten sollen mehrfach unter Druck gesetzt werden

Spitzer wirft den Citigroup-Bankern vor, sie hätten "genau verstanden, auf welche Weise ihr Research manipuliert war" - und trotzdem nichts dagegen unternommen. Die Bank verpflichtete sich, 400 Millionen Dollar an die Behörden zu zahlen, die höchste im "global settlement" vereinbarte Einzelsumme. Citigroup-Chef Sandy Weill darf laut Presseberichten nur noch in Anwesenheit eines Anwalts mit seinen Analysten sprechen.

Spitzer beschuldigt Weill, er habe seine Analysten mehrfach direkt unter Druck gesetzt. So soll er den einstigen Staranalysten Jack Grubman aufgefordert haben, einen "frischen Blick" auf die Aktie des Telekomkonzerns AT & T zu werfen - und das kurz bevor AT & T das Mandat für den Börsengang seiner Mobilfunksparte vergab. Grubman stufte sein Anlageurteil hoch, Citigroup bekam den Auftrag und kassierte 63 Millionen Dollar.

Vor allem durch ihre pikante Doppelrolle erwirtschafteten die Research-Abteilungen der Großbanken Gewinn. Einerseits regten sie Investoren mit ihren Anlageideen zum Aktienkauf an. Gleichzeitig verhalfen sie durch ihre Kontakte zu den analysierten Unternehmen den Investmentbankern zu Aufträgen. Jetzt wird es für die Analysten schwieriger werden, profitabel zu arbeiten - zumal sich vor allem große Investoren verstärkt kleinen Investmenthäusern zuwenden, die unabhängiger von großen Unternehmenskunden sind. "Der Druck auf die Gehälter der Analysten wird anhalten, und es werden insbesondere bei den großen Häusern noch mehr Stellen wegfallen", sagt Brock Vandervliet, der als Großbanken-Analyst bei Lehman Brothers selbst von der Entwicklung betroffen ist.

Mindestens eine Investmentbank beschäftige sich bereits mit einem viel radikaleren Konzept, sagt ein anderer New Yorker Analyst. "Warum kann eine Bank, die ihren Schwerpunkt im Investment-Banking hat, nicht völlig auf teures Research verzichten?" fragt er.

Einen solchen Schritt könne die Bank sogar positiv verkaufen, wenn sie den Investoren statt eigener Analysen hinzugekaufte Studien anböte. "Das Argument lautete: ,Seht her, wir versuchen nicht, euch mit unseren gefärbten Tipps zu beeinflussen, sondern bieten euch völlig objektiv jedes gewünschte Research?", sagt der Analyst. Unter dem Stichwort "open architecture", "offene Architektur", diskutiere eine große US-Investmentbank dieses Modell bereits - allerdings bislang nur als Gedankenspiel.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, lernte die New Yorker Investmentbank Bear Stearns auf die harte Tour. Wenige Tage nach dem "global settlement" pries ihr Analyst James Kissane den Finanzsoftware- Anbieter Ipayment - und das ausgerechnet auf einer Werbeveranstaltung zu dessen nahendem Börsengang, den Bear-Stearns-Investmentbanker organisierten.

Bear Stearns zahlte einen hohen Preis

Bear Stearns zahlte einen hohen Preis: Das "Wall Street Journal" griff den Fall auf seiner Titelseite auf. Die Investmentbank entzog Kissane daraufhin die Verantwortung für Ipayment, veröffentlichte eine formale Entschuldigung und verschob den Börsengang um einen Tag.

Seitdem geht an der Wall Street die Angst um, jeder Fehltritt könne am nächsten Tag die Schlagzeilen beherrschen oder - noch schlimmer - als Beweis für neue Anlegerklagen dienen. Jede Art von Kommunikation zwischen Analysten und Investmentbankern wirkt verdächtig. So wollte eine Mitarbeiterin in der Presseabteilung einer Bank kürzlich "den Jungs vom Investment-Banking" eine Analystenmail über den südamerikanischen Finanzmarkt senden. Früher ein völlig normaler Vorgang, "aber wer weiß, ob wir dafür morgen vor Gericht stehen?" fragt die Sprecherin. Ihre Reaktion: "Bloß nicht weiterleiten! Sofort löschen!" Sicher ist sicher.

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