US-Justizministerium bestätigt Zweifel an einem Treffen zwischen irakischen Agenten und Mohamed Atta in Prag
Terrorverdacht der USA gegen Bagdad widerlegt

Ein Bericht des US-Justizministeriums belegt: Der mutmaßliche El-Kaida-Terrorist Mohamed Atta hat sich im April 2001 nicht in Prag mit einem irakischen Agenten getroffen, sondern war längst in den USA. Damit löst sich das stärkste Indiz für eine Verwicklung des Iraks in die Anschläge vom 11. September weitgehend in Luft auf.

PRAG. Je konkreter die Vorbereitungen der USA für einen Krieg gegen den Irak werden, desto stärker gerät Washington unter Druck, Belege für eine Beteiligung Bagdads an den Anschlägen vom 11. September in New York und Washington vorzulegen. Doch kommt die US-Administration damit nicht weiter - im Gegenteil: Das als Hauptindiz angeführte Treffen des mutmaßlichen Anführers der Todespiloten, Mohamed Atta, im April 2001 in Prag mit einem irakischen Diplomaten hat offenbar nicht stattgefunden. Das geht aus einem Bericht des Generalinspekteur des US-Justizministeriums, Glenn A. Fine, hervor (www.usdoj.gov/oig/special/2002_05/exec.htm).

Fine hatte auf der Suche nach möglichem Versagen der US-Einwanderungsbehörde bei der Einreise von Terroristen Reiseprofile für zwei Verdächtige erstellt: für den lange in Hamburg lebenden Mohamed Atta und seinen Mitstreiter Marwan Al-Shehhi. Diese Profile widerlegen erstmals offiziell die Behauptungen des Prager Geheimdienstes BIS, dass Atta Anfang April 2001 in Prag war. Dort soll er den irakischen Vizekonsul und mutmaßlichen Agentenführer Ahmed Khalil Ibrahim Samir Al-Ani getroffen haben. Das tschechische Außenministerium erklärte Al-Ani Ende April 2001 zur Persona non grata und wies ihn aus. Der Grund war "ein für einen Diplomaten unangemessenes Verhalten". Im Klartext: geheimdienstliche Tätigkeit.

Zuständig für Al-Anis Ausweisung war Staatssekretär Hynek Kmonicek, der Prag heute in der Uno vertritt. In mehreren Interviews bestätigte Kmonicek das Treffen zwischen Al-Ani und Atta. Zuletzt sagte er der "Prague Post", das Treffen habe definitiv stattgefunden. Tschechiens Innenminister Stanislav Gross hatte im Herbst verkündet, Atta und El-Ani hätten sich wenigstens einmal, im April 2001 getroffen. Dabei bleibt Gross bis heute. Das Außenministerium und BIS-Chef Jiri Ruzek ließen Anfragen des Handelsblattes unbeantwortet.

Doch nun geben die US-Dokumente Atta ein Alibi. Er hielt sich zu jenem Zeitpunkt in Florida auf. Atta war erstmals am 3. Juni 2000 in die USA eingereist - von Deutschland über Prag nach Newark. Und tatsächlich wollte er in Prag jemanden treffen. Weil er den Prager Flughafen Ruzyne mangels Visum nicht verlassen durfte, reiste er nach Bonn, um sich eiligst ein Touristenvisum zu beschaffen. Dann kam er laut Gross per Bus aus Frankfurt früh morgens zurück, verbrachte den Tag und die Nacht irgendwo in Prag und flog weiter in die USA. Einige Ermittler behaupteten, er habe Al-Ani bereits damals getroffen.

Laut US-Justizministerium bleibt Atta den Rest des Jahres 2000 in den USA und absolviert in der Huffman Aviation School in Venice, Florida, einen Pilotenkurs. Erst am 4. Januar 2001 reist er nach Madrid, kehrt aber bereits am 10. Januar zurück - und verlässt das Land zunächst nicht mehr. Eine Ausreise Attas im April 2001 wurde nirgends registriert. Auch gibt es keine Belege dafür, dass Atta weitere Reisepässe in petto hatte, wie bei Terroristen durchaus üblich. Bei allen Einreisen, so ergab die Inspektion, benutzte Atta seinen ägyptischen Pass mit dem Geburtsdatum 1. September 1968.

Am 2. Mai 2001 war Atta auf jeden Fall in den USA: Er wird bei den Einwanderungsbehörden in Miami vorstellig und drängt darauf, seine bis zum 8. September geltendes Aufenthaltsgenehmigung und die seines Mitstreiters Marwan Al-Shehhi zu verlängern. Doch biss Atta bei dem Dienst habenden Beamten auf Granit: Weil Touristen-Visa auf sechs Monate begrenzt sind, kürzt er Attas Aufenthaltsrecht um zwei Monate - bis zum 9. Juli. Gerade dieser Korrektureintrag vom 2. Mai im Pass führte die Ermittler auf eine falsche Fährte: Sie vermuteten, Atta sei damals erneut eingereist - womöglich aus Prag. Dafür aber sieht das Justizministerium keine Anzeichen.

Um nicht gegen die US-Visabestimmungen zu verstoßen, reiste Atta am 7. Juli 2001 nach Zürich. Dort vermuten Ermittler mehrere Terror-Financiers, doch wen Atta aufsucht, bleibt im Dunkeln. Erst am 19. Juli kehrt er in die USA zurück. Dort genehmigt ihm die Einreisebehörde dann den Aufenthalt bis zum 12. November - und damit genug Spielraum, die Anschläge vom 11. September durchzuführen.

Nun zieht Al-Shehhi die Aufmerksamkeit auf sich. Nicht Atta, sondern er war zum Zeitpunkt des Prager Treffens in Europa: Er reiste laut US-Behörden am 18. April 2001 von Miami nach Amsterdam und kehrte erst am 2. Mai zurück. Hatten Atta und Al-Shehhi ihre Identitäten vertauscht? Bisher hat Prag dies dementiert: Außer Atta sei kein anderer Terrorist vom 11. September je in Tschechien gewesen, hieß es immer wieder.

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