US-Kongresswahl
Der vergiftete Kuss des Präsidenten

Die State-of-the-Union-Ansprache ist soeben vorbei, die Kongressabgeordneten erheben sich von ihren Plätzen und klatschen Beifall, als George W. Bush zu einer politisch möglicherweise tödlichen Handlung ansetzt: Der US-Präsident sieht Joe Lieberman, geht einen Schritt auf ihn zu, beugt sich vor - und drückt ihm einen Kuss auf die Wange.

WASHINGTON. Wenige Sekunden dauert diese Szene nur, die sich bereits im Januar 2005 abspielte, doch diese paar Sekunden genügten, um den demokratischen Senator aus Connecticut bis heute in die Enge zu treiben. Im November stehen die Kongresswahlen an, und die Szene aus dem Kapitol wird in diesen Tagen wieder und wieder gegen Lieberman in Stellung gebracht - von seinen eigenen Parteifreunden, vor allem von Ned Lamont.

Lamont bewirbt sich in Connecticut gegen Lieberman um die demokratische Kandidatur für das Amt des Senators. Die Kussszene verbreitet er auf Ansteckern, Flyern und in Fernsehspots. Als nun Ende der Woche die beiden in einem Fernsehduell aufeinander trafen, sah sich Lieberman sogar zu dem Satz genötigt: "I am not George Bush" - "Ich bin nicht George Bush." Genau dort wollte Lamont seinen Konkurrenten haben - in der Defensive.

Lieberman ist eine politische Größe in den USA. Er ist seit 18 Jahren Senator, und er bewarb sich im Jahr 2000 an der Seite von Al Gore um das Amt des Vizepräsidenten. Aber Lieberman ist auch umstritten, vor allem in seiner eigenen Partei. Vor allem, weil er außenpolitisch immer wieder mit den Republikanern stimmt. So wie in der Irak-Frage, wo er Bushs Kurs in seinen Grundzügen unterstützt.

Als die Demokraten im Senat kürzlich einen Beschluss über den Truppenabzug fassen wollten, stimmte Lieberman dagegen, zweimal. So mancher Parteifreund verlacht ihn deshalb als "Republicrat". Oder als "DINO" - Democrat In Name Only, ein Demokrat nur dem Namen nach. Doch der 64-Jährige bleibt unbeirrt bei seiner Haltung. Es gebe Fortschritte im Irak, sagt er, und man dürfe jetzt nicht das Handtuch werfen. "Sollen wir die Iraker gerade dann im Stich lassen, wenn es vorangeht?", wehrte sich Lieberman in der Fernsehdebatte.

An seinem Irak-Kurs will Lieberman aber auch dann festhalten, sollte er die Vorwahlen seiner Partei am 8. August verlieren. Für diesen Fall hat er angekündigt, als unabhängiger Kandidat bei den Kongresswahlen im November anzutreten. Die Demokraten würde dies in einen tiefen Konflikt stürzen. Denn teilt sich das demokratische Wählerpotenzial etwa zwischen Lamont und Lieberman auf, könnte dies den Weg für den republikanischen Bewerber freimachen. Zwar glauben manche Beobachter, Lieberman könnte es auch aus eigener Kraft schaffen, weil er dann auch für "linke Republikaner" wählbar wäre. Doch wäre auf jeden Fall ein sicheres Senatsmandat in Gefahr - und dies in einer Wahl, bei der die Demokraten um jeden Sitz kämpfen müssen, wollen sie die Mehrheit im Senat erobern.

"Das ist das beste Rennen, das wir haben", freut sich der professionelle Wahlbeobachter Jim Vandehei von der "Washington Post". Doch für die Demokraten ist das, was sich gerade in Connecticut abspielt, nahezu ein Alptraum. Denn auf der Ebene eines Bundesstaates ist dort das zu sehen, was den Demokraten auch seit Monaten in der Hauptstadt Washington zu schaffen macht: ihre uneinheitliche Position zum Irak. Liberale Blogger haben sich bereits zum Ziel gesetzt, Lieberman um jeden Preis zu verhindern, für seinen - obwohl steinreichen - Gegner Lamont Geld zu sammeln und Lieberman bei jeder Gelegenheit zu attackieren. Der einst komfortable Vorsprung des einstigen Vietnam-Gegners Lieberman über Lamont schmilzt bereits. In das demokratische Wahlvolk aber treibt der Streit einen weiteren Keil.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%