US-Konzern ergreift Rettungsanker - Zeitgewinn
Finanzspritze für Enron

Der von der Pleite bedrohte weltgrößte US-Energiekonzern Enron ist möglicherweise der erste Schritt zu einer Rettung des Unternehmens gelungen. Das Unternehmen hat mit der Zusage für eine Insolvenz-Finanzierung ("Debtor-in-Possession") in Höhe von 1,5 Mrd. Dollar durch ihre beiden größten Gläubigerbanken die kurzfristige Liquidation des Unternehmens zunächst verhindert.

rtr/vwd HOUSTON/NEW YORK. Zwei der wichtigsten Gläubigerbanken des Bankrott gegangenen US-Energiehändlers Enron haben dem Unternehmen zur vorübergehenden Weiterführung des Kerngeschäfts Kredite über insgesamt 1,5 Mrd. Dollar in Aussicht gestellt. J.P.Morgan Chase und die Citigroup hätten Enron zunächst eine Soforthilfe von 250 Mill. Dollar zugesagt, um die Löhne zahlen und die wesentlichen Handelsaktivitäten fortsetzen zu können, teilte die Energiefirma am Montagabend mit. Aus unternehmensnahen Kreisen hieß es, Enron stehe zudem mit drei Parteien in Gesprächen über den Verkauf ihrer Energiehandelssparte. Ein kleiner privater US-Versorger präsentierte Pläne zur Übernahme der Enron-Aktienmehrheit. Die Enron-Aktien setzten im europäischen Handel am Dienstag ihren Erholungskurs moderat fort.

Sobald es J.P. Morgan und die Citigroup gelingt, weitere Banken für das Gläubiger-Konsortium zu gewinnen, sollen den Angaben zufolge eine Milliarde Dollar des zugesagten Kreditvolumens ausgezahlt werden. Weitere 250 Mill. Dollar sollen Enron zur Verfügung gestellt werden, wenn die Firma den Banken ein zufriedenstellenden Sanierungspaln präsentieren kann. "Mit dieser Finanzierung kann Enron sein Geschäfte weiterführen und die ersten Schritte der geplanten Neuorganisation umsetzen", sagte Firmenchef Kenneth Lay.

Nach Angaben aus informierten Kreisen verhandelt Enron derzeit mit den beiden Kreditgebern Citigroup und J.P. Morgan Chase sowie der UBS über ein Joint Venture im Stromhandelsbereich, der immer als die Kronjuwelen des Unternehmens angesehen wurden. Die Gespräche seien noch in einem sehr frühen Stadium, hieß es am Montag Abend in den Kreisen. Den Gesprächen liege die Vorstellung zu Grunde, dass die Banken Kapital und Enron das Fachwissen über Derivate und die Infrastruktur für ein Online-Handelssystem in ein Gemeinschaftsunternehmen einbringen könnten. Verschiedene Banken wie etwa Goldman Sachs, Lehman Brothers und Morgan Stanley betreiben bereits Handelsgeschäfte im Energiebereich.

New Yorker Börse prüft Verbannung vom Kurszettel

Der hoch verschuldete Energiehändler hatte am Wochenende bei einem New Yorker Gericht Konkursantrag mit Gläubigerschutz gestellt und Entlassungen von zunächst mindestens 4 000 der insgesamt 21 000 Mitarbeiter angekündigt. Der zuständige Richter nahm am Montag den Antrag an. Damit wurde der größte Konkurs der US-Geschichte eingeleitet. Nach Kapitel elf des US-Konkursgesetzes können Firmen unter Bedingungen des Gläubigerschutzes zunächst weiter tätig sein, während ein Umstrukturierungsplan ausgearbeitet wird.

Enron, noch vor wenigen Monaten als Favorit der Anleger an der Wall Street gefeiert, war in die Schieflage geraten, nachdem Konkurrent Dynegy die geplante Übernahme im Volumen von 9 Mrd. Dollar abgesagt hatte. Der Aktienkurs der an der New York Stock Exchange (Nyse) notierten Enron hatte sich daraufhin mehr als halbiert. Seit August 2000 ist der Kurs allerdings von 90,56 Dollar auf unter 1 Dollar abgesackt.

Die New Yorker Börse überprüft inzwischen, ob das Unternehmen vom Kurszettel gestrichen wird. Die Aussicht auf die milliardenschwere Finanzspritze sorgte am Dienstag aber wieder für eine leichte Erholung der Aktie. Im frühen Frankfurter Handel kletterte der Kurs um 36 % auf 0,64 ?, nachdem er am Vortag bereits im US-Handel um 50 % auf 0,39 US-Cent zugelegt hatte.

Standard Power & Light kündigt Übernahmeofferte an

Unterdessen kündigte das in Privatbesitz befindliche US-Energieunternehmen Standard Power & Light ein Übernahmeangebot für Enron an. Das Unternehmen will nach Angaben der US-Börsenkommission die Mehrheit der frei gehandelten Enron-Aktien für einen Stückwert von weniger als einem Dollar kaufen. Zudem sollen die nicht zum Energiegeschäft gehörenden Vermögenswerte abgestoßen und der Schuldenberg durch eine "langfristige Reorganisation" abgebaut werden.



Enron Europe, eine Sparte des US-Rohstoffhändlers, hat indes ihr Zellstoff-Geschäft zum Verkauf ausgeschrieben. Ein Sprecher der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC), die in der vergangenen Woche die Verwaltung der europäischen Töchter übernommen hatte, sagte am Dienstag, die Sparte bleibe unterdessen unter ihrer Verwaltung. Die Enron-Tochter gehörte zu den größten Zellstoff-Händlern in Europa sowohl auf dem Kassa- als auch auf dem Terminmarkt. Einem Zellstoff-Händler in London zufolge werde das Verschwinden von Enron kurzfristig die Liquidität im Markt verengen.

Für die europäischen Vertriebstochter des US-Energiehändlers, Enron Direct, gibt es schon einen konkrten Interessenten. Der französische Energieversorger Electricite de France (EDF) steht nach eigenen Angaben in Gesprächen über den Kauf von Enron Direct. "Wir sprechen mit Pricewaterhouse Coopers über einen Kauf von Enron Direct", sagte ein EDF-Sprecher am Dienstag. Enron Direct verkauft Gas und Strom an mittelständische Unternehmen vor allem in Großbritannien.

Großes Gerangel unter den Gläubigern

Die Liste der Gläubiger in diesem bisher größten Insolvenzverfahren der US-Geschichte mit mehr als 31 Mrd. Dollar Bilanzschulden und weiteren milliardenschweren nicht-bilanzierten Verbindlichkeiten umfasst laut dem "Wall Street Journal" mehr als 50 Seiten. Das Gerangel unter Bank-Kreditgebern, Anleihebesitzern und Lieferanten um eine Kontrolle im Gläubigerkomittee sei groß und aggressiv, sagte dem Blatt ein Anwalt, der mehrere Kreditgeber vertritt. Wichtigste Aufgabe werde es für Enron sein, den Gläubigern die Eile zu nehmen.

Nach einer ersten Anhörung am Montag vor dem Konkursgericht New York ist eine zweite Anhörung für den 14. Dezember angesetzt. Beobachter rechnen damit, dass sich allein die Aufstellung des Gläubigerkomittees über Wochen hinziehen dürfte.

Die kritische Lage bei Enron führte auch am Dienstag wieder zu Kursverlusten bei Bankentiteln an den asiatischen und einigen europäischen Aktienmärkten. Händler sagten, der Markt bestrafe die erhöhten Kreditrisiken der Institute, die bei Enron engagiert sind. "Man fängt an zu überlegen, ob dies erst die Spitze des Eisbergs ist", sagt ABN-Amro-Analyst Marijn Smit. So fielen die Aktien der nach Vermögenswerten weltweit größten Bankengruppe Mizuho Holdings um mehr als sieben Prozent auf 269 000 Yen. Noch am Montag hatte die japanische Finanzaufsicht die Auswirkungen der Enron-Krise auf den Bankensektor des Landes als sehr gering bezeichnet.

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