US-Konzerne treiben Förderung voran – Größere Unabhängigkeit von der Opec
Begierde Washingtons nach Öl aus Afrika wächst

Edward Royce, der Vorsitzende des Afrika-Ausschusses im US-Repräsentantenhaus hatte kürzlich erklärt, Öl aus Schwarzafrika solle nach den Anschlägen vom 11. September Priorität erhalten.

KAPSTADT/DÜSSELDORF. Die winzige westafrikanische Inselrepublik São Tome and Principe wird neuerdings hofiert. Präsident Fradique de Menezes gehörte vor kurzem zu zehn west- und zentralafrikanischen Führern, die von US-Präsident George W. Bush zu einer Audienz im Weißen Haus empfangen wurden. Die zehn Ländern teilen eine große Gemeinsamkeit: Sie sind Ölproduzenten oder verfügen über größere Ölvorkommen.

Die frühere portugiesische Kolonie São Tomé and Principe ist für Washington nicht nur wegen der noch ungenutzten Ölreserven in ihren Territorialgewässern interessant. Präsident De Menezes verriet kürzlich, sein Land habe mit den USA eine Übereinkunft über den Bau eines Marinestützpunktes auf São Tome getroffen. Dabei soll es sich um einen Hafen für Flugzeugträger und Patrouillenboote handeln. Offenbar hat De Menezes damit mehr enthüllt als den Amerikanern recht ist. Washington hat bislang diese Pläne bislang weder bestätigt noch dementiert. Allerdings befürworten US-Militärexperten seit längerem den Bau einer solchen Basis in der Region.

Edward Royce, der Vorsitzende des Afrika-Ausschusses im US-Repräsentantenhaus hatte kürzlich erklärt, Öl aus Schwarzafrika solle nach den Anschlägen vom 11. September Priorität erhalten. Gegenwärtig importieren die USA rund ein Viertel ihres Erdöls aus Saudi-Arabien. Schwarzafrika, allen voran Nigeria und Angola, liefern heute rund 15 %. Bis im Jahr 2015 soll es bereits die Hälfte des Bedarfs sein, geht es nach einer im Auftrag der US-Regierung verfassten Studie der African Oil Policy Initiative Group (AOPIG).

Für Washington ist die Neuausrichtung auf Afrika, parallel zu den Bemühungen um die Ölschätze rund um das Kaspische Meer, folgerichtig: Die Region liegt näher an den USA, der Öltransport verbilligt sich. Zudem fühlt sich Washington von Afrika ideologisch nicht bedroht, es dürfte selbst auf lange Sicht kaum Anlass zu einem Boykott geben. ,,Ein Saddam Hussein und sein Bedrohungspotenzial ist in Afrika nur schwer vorstellbar", meint Royce. In diese Kerbe schlägt auch Nic Borain, Analyst der Johannesburger HSBC-Niederlassung: ,,Je mehr Öl auf dem Markt ist, das nicht von der Opec gefördert wird, desto besser für den Westen - und für Afrika", meint Borain.

Obwohl die US-Regierung ihren Handel mit dem schwarzen Kontinent an die Demokratisierung geknüpft hat, werden die erdölreichen Staaten Afrikas unabhängig von ihren Reformen hofiert. Ganz obenan steht Nigeria, das nach Angaben der Petroleum Finance Company seine Produktion bis 2007 von derzeit 2,2 Mill. Barrel auf mehr als 3 Mill. Barrel am Tag ausbauen will.

Damit würde Nigeria allerdings das gerade erst wieder bestätigte Förderlimit der Opec brechen. Nigeria ist das einzige afrikanische Opec-Mitglied. Allerdings wird seit längerem über einen Rückzug des westafrikanischen Staats aus dem Kartell spekuliert. Gegenwärtig rangiert Nigeria unter den international größten Förderländern auf Rang elf. Die Qualität seines Öls ist hoch - zwei Drittel fallen in die Kategorie ,,schwefelarm" und die Produktionsbedingungen sind trotz des tropischen Klimas und der verheerenden Infrastruktur vergleichsweise gut. Der Ölkonzern Shell beziffert die Förderkosten auf 4 $ per Barrel. Zum Vergleich: In der Nordsee kalkulieren die Konzerne mit teils doppelt so hohen Kosten.

Für die Ölförderung vor der Küste von Angola, werden noch höhere Kosten kalkuliert. Dennoch plant auch Angola, seine Tagesproduktion in zehn Jahren von 650 000 Barrel auf 2 Mill. Barrel zu verdreifachen. Und auch der Tschad wird rund 225 000 Barrel am Tag produzieren, sobald die 3,7 Mrd. $ teure Ölpipeline durch Kamerun in 2004 fertig gestellt ist. Für die Menschen in den Förderländern hat sich der Ölboom allerdings kaum ausgezahlt: Ein Gutteil der Gewinne ist an den Staatskassen vorbei in die Taschen korrupter Autokraten geflossen.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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