US-Leichtathletik in Misskredit
Doping-Lauf ins WM-Aus

Die US-Sprinterin Kelli White hat für den größten Doping-Skandal einer Weltmeisterschaft und den folgenschwersten Sündenfall seit Ben Johnson 1988 gesorgt. Als erster Leichtathletin droht White die Aberkennung der in Paris über 100 und 200 Meter gewonnenen WM-Titel, der Kanadier musste bei den Olympischen Spielen in Seoul sein Sprinter-Gold zurück geben.

HB/dpa PARIS. Die 26-jährige Freundin des deutschen Speerwerfers Boris Henry ist des Dopings mit dem Stimulanzmittel Modafinil überführt worden. Obwohl bis Sonntag noch nicht alle Untersuchungen abgeschlossen waren, bestehen beim Weltverband IAAF kaum noch Zweifel an ihrer Schuld.

"Wenn es am Ende ein Doping-Fall wird, und dafür sprechen viele Indizien, verliert sie ihre Medaillen", erklärte IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai. Der deutsche IAAF-Vizepräsident Helmut Digel sprach von einem "Eklat" und einem "dramatischen Fall, wenn eine so herausragende Athletin in Frage gestellt werde".

Offen ist, mit welchem Strafmaß Kelli White zu rechnen hat. Wissenschaftlich geklärt werden muss noch, in welche Stimulanzien- Gruppe Modafinil klassifiziert wird. Wird es den "harten Drogen" zugeordnet, droht neben dem Entzug der Titel noch eine zweijährige Sperre. Im anderen Fall würde die IAAF nur eine Verwarnung aussprechen, ihr aber ebenfalls die Medaillen wegnehmen.

Kelli White beteuerte auf einer Pressekonferenz am späten Samstagabend im Stade de France mit Tränen erstickter Stimme, nichts Unrechtes getan zu haben: "Ich glaube, dass ich unschuldig bin. Ich bin unschuldig. Für die Medaillen habe ich hart gearbeitet und sie mir in dieser Woche verdient. Nun werde ich hart arbeiten, um sie zu behalten." Um womöglich nicht eine weitere Medaille zu verlieren, zog der US-Verband Kelli White aus der Sprint-Staffel zurück, die daraufhin dem Titel vergeblich hinterher lief und im vier mal 100 m-Finale gegen Frankreich verlor.

Die US-Athletin begründete die Einnahme des den Wirkstoff Modafinil enthaltenen Medikaments - es ist auch als Partydroge und Wachmacher in der Disco-Szene bekannt - mit einer in diesem Jahr bei ihr aufgetretenen und in ihrer Familie bekannten Ermüdungskrankheit (Narkolepsie). Sie habe es von ihrem Arzt Brian Goldman verschrieben bekommen und es hätte nicht auf der IAAF-Liste der verbotenen Substanzen gestanden.

Auf die Idee, das Mittel pflichtgemäß der IAAF zu melden, sei sie deshalb nicht gekommen. "Es hat nicht auf der Verbotsliste gestanden, deshalb verstehe ich nicht, was ich hätte angeben sollen", meinte Kelli White. Da nicht alle Pharmaprodukte namentlich auf der IAAF- Liste aufgeführt werden können, reicht auch eine Verwandtschaft zu einer Wirkstoffgruppe aus - in diesem Fall sind es die Stimulanzien.

"Wir haben bisher nicht gefunden, dass ihre Erklärungen wasserdicht sind", erklärte IAAF-Justiziar Martin Gay. Auch IAAF- Vizepräsident Arne Ljungquist, der zugleich Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist, erscheinen diese Begründungen wenig plausibel. "Sie hätte das Mittel angeben müssen und hat es nicht getan. Dies belastet sie", erklärte der Schwede. Obwohl erst das Ergebnis ihres Doping-Tests nach den 100 m vorliegt, hält er es für "sehr wahrscheinlich", dass auch die Probe nach den 200 m positiv ist.

Die USA ist bei der 9. Weltmeisterschaft nicht nur in der Medaillenwertung an der Spitze, sondern führt auch die "Chronique Skandaleuse" in Paris an. Vor dem White-Skandal hatte bereits der "Liege-Streik" von Jon Drummond nach einem Fehlstart im 100-m-Vorlauf die US-Leichtathletik in Misskredit gebracht. Von der Vergangenheit eingeholt wurde zudem 400-m-Weltmeister Jerome Young. Er soll der mysteriöse Athlet sein, der trotz eines positiven Doping-Tests auf Anabolika im Jahr 1999 und gedeckt durch eine Mauer des Schweigens an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney teilnahm. "Die Amerikaner dürfen keine Sonderbehandlung mehr bekommen, es ist notwendig, endlich Gleichberechtigung herzustellen", fordert Digel nach der Serie der US-Affären.

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