US-Notenbank leidet unter den Fehlern der Vergangenheit – Bericht zur Geldpolitik vor dem Senat
Börsenkrise entzaubert Mythos Greenspan

Im Lichte der jüngsten Börsenschwäche und Finanzskandale findet in den USA eine Neubewertung des Booms der 90-er Jahre statt. Nach dem Platzen der Aktienblase sowie den Enthüllungen um gefälschte Gewinne erscheinen die goldenen 90er in einem anderen Licht. Dabei gerät auch der bislang unantastbare Fed-Chef Alan Greenspan in die Kritik.

NEW YORK. In wirtschaftlichen Krisenzeiten suchen die Amerikaner den Rat und Zuspruch von Alan Greenspan, dem Chef der Notenbank Federal Reserve (Fed) und Übervater des Booms der 90-er Jahre. Die jüngsten Bilanzskandale, die Börsenflaute und die wieder schwächelnde Konjunktur haben nicht nur Investoren, sondern auch die Politiker aufgeschreckt. Morgen haben sie Gelegenheit, den Rat Greenspans einzuholen. Der Fed-Chef legt vor dem Senat sein halbjährliches Zeugnis über die Geldpolitik und die Lage der Wirtschaft ab.

Fragen die Senatoren den Falschen? Nach dem Platzen der Internet-, Telekom -, Aktien- und Dollar-Blase sowie den Enthüllungen über gefälschte Firmengewinne erscheinen die goldenen 90-er in einem neuen, weitaus weniger hellen Licht. Kritische US-Ökonomen fragen deshalb, ob nicht auch der Mythos Greenspan ein Produkt irrationaler Übertreibung ist.

Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, wirft dem Fed-Chairman vor, wider besseren Wissens nicht genug gegen die Spekulationsblasen getan und somit die starken Ungleichgewichte in der US-Wirtschaft mit verschuldet zu haben. "Aktienblasen gehören zu den größten Gefahren für eine Volkswirtschaft. Um ihre zerstörerischen Folgen zu vermeiden, bedarf es Klugheit und Courage - die Federal Reserve hatte weder das eine noch das andere", schreibt Roach.

Obwohl Roach ein Außenseiter an der Wall Street ist, kann er sich durch die jüngsten Entwicklungen bestätigt fühlen. Das Wirtschaftswachstum in den USA ist nach einem Blitzstart dramatisch zurückgegangen. Führende Ökonomen rechnen für den Rest des Jahres nur noch mit einem Plus von 2 bis 3 %. Und das, obwohl sich die Leitzinsen seit Ende 2001 mit 1,75 % auf dem niedrigsten Niveau seit 40 Jahren befinden. Niedrige Zinsen sind normalerweise gut für die Wirtschaft und gut für die Börse. Der Standard & Poor?s 500 Aktienindex ist jedoch vergangene Woche auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren gefallen. "Die Ära der omnipotenten Zentralbanker geht offenbar zu Ende ", sagt Roach.

Verspielt hat Greenspan seine Macht als er in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre die Exzesse an den Finanzmärkten gewähren ließ. Zwar diskutierte die Fed bereits Mitte 1996 über die Gefahren einer Aktienblase und Greenspan warnte in seiner berühmten Rede im Dezember desselben Jahres vor einem "irrationalen Überschwang" an den Börsen. Der Warnung folgte jedoch nur eine leichte Zinserhöhung im März 1997. Auch in der Zeit danach zögerte Greenspan angesichts niedriger Verbraucherpreise, der Blase mit entschlossenen Zinserhöhungen die Luft rauszulassen.

Die nach der Greenspan-Rede zunächst geschockten Anleger interpretierten die Zurückhaltung der Notenbank als Freifahrtschein zum ewigen Reichtum ohne Risiko. Im Notfall werde Greenspan - wie beim Börsen-Crash 1987 - das Schlimmste verhindern. Tatsächlich war die Notenbank dann auch mit einer Liquiditätsspritze zur Stelle als die Aktienmärkte 1998 nach der Asienkrise und dem Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM taumelten. So konnte der Dow Jones Index im Januar 2000 den Gipfel von 11 722 Punkten erreichen.

Der Wohlstandseffekt des Börsenbooms - jeder zweite US-Haushalt hat Geld in Aktien angelegt - gab der realen Wirtschaft einen mächtigen Schub. Die Amerikaner gaben mehr Geld aus als sie hatten und brachten so die Konjunktur zum Kochen. Greenspan unterschätzte die Gefahr und lobte noch 1999 die Investoren, deren "großes Wissen" sich an der Börse widerspiegele.

"Greenspans These von einem Produktivitäts-Wunder in den USA hat sicherlich zur Blasenbildung beigetragen", sagt Bill Dudley, Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs. Bis heute ist der Fed-Chairman davon überzeugt, dass die US-Wirtschaft in den 90-er Jahren einen technologischen Quantensprung vollzogen hat. Die Produktivität ist zwischen 1995 und 2000 um durchschnittlich um 2,4 % gestiegen, doppelt so schnell wie in den beiden Dekaden zuvor.

"Greenspan hat in diesem Punkt weitgehend Recht behalten. Allerdings hat sich der Produktivitätszuwachs weniger in Gewinnsteigerungen für die Unternehmen als vielmehr in niedrigeren Preisen für die Verbraucher niedergeschlagen", sagt Dudley. Damit sind jedoch viele Aktien, deren Substanzwert sich vor allem auf den zu erwartenden Firmengewinnen gründet, völlig überbewertet. Für den Goldman-Ökonomen besteht die Lehre aus den 90-er Jahren darin, dass die Notenbank nicht nur auf die Entwicklung der Verbraucherpreise achten darf, sondern auch die Steigerungen der Aktienkurse im Auge behalten muss.

Quelle: Handelsblatt

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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