US-Notenbank senkt erneut die Zinsen
Leitartikel: Geduld ist nötig

A lan Greenspan hat mit der neuen Zinssenkung um einen halbes Prozent sein Pulver noch nicht verschossen. Die amerikanische Notenbank ist bereit, in diesem Jahr noch etwas für die Wirtschaft zu tun, wenn sich die Indikatoren weiter im negativen Bereich bewegen, die konjunkturelle Lage sich also noch verschlechtert. Trotz der Zinssenkungen um zweieinhalb Prozent in den ersten fünf Monaten, der raschesten Entspannungsperiode in Greenspans vierzehnjähriger Amtszeit, sind also nach der Erklärung der Fed weitere Lockerungen möglich. So intensiv sorgen sich die Fed-Strategen um die angeschlagene heimische Konjunktur.

NEW YORK. Nach einer auch von der Fed geteilten ökonomischen Lehrmeinung vergehen zwischen einer Zinssenkung und der erhofften positiven Reaktion des Marktes und der Konsumenten sechs bis neun Monate. Theoretisch könnten sich die Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed jetzt im Stuhl zurücklehnen und warten, warten, warten - bis die Zinssenkungen zünden. Doch die Zeit bis zum Wiederanspringen der Konjunktur wird den Akteuren Geduld abverlangen.

Denn Unternehmen und Manager reagieren auf Zinssenkungen nicht so hektisch wie die Finanzmärkte und die Börsen. Investitions- und Personalentscheidungen werden unter langfristigen Perspektiven getroffen. Wenn ein amerikanischer Konzern Freisetzungen von Tausenden seiner Mitarbeiter angekündigt hat, revidiert er diese Entscheidung nicht deshalb, weil die Zinsen nochmals um einen halben Punkt zurückgenommen wurden, nachdem schon Zinssenkungen um zwei Prozent vorangegangen waren.

Die Entscheidung im Wortlaut

Erst müssen die niedrigeren Zinsen ihre wohltuende Wirkung bei Verbrauchern und Investoren entfalten, bevor solch einschneidende Entscheidungen wie Massenentlassungen revidiert werden. Und wenn immer noch Zehntausende von amerikanischen Arbeitnehmern vor der Kündigung stehen, fallen sie als konsumorientierte Verbraucher aus.

Die Perspektiven des amerikanischen Arbeitsmarktes werden auch nicht mehr so hoffnungsvoll gesehen wie noch im Herbst vergangenen Jahres. Damals lag die Arbeitslosenrate in den USA - weltweit respektiert - unter 4 Prozent. Heute halten Experten einen Anstieg auf über 5 Prozent für möglich.

Die Verbraucher generieren nach gängiger ökonomischer Rechnung etwa zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Dieser Rolle sind die US-Bürger im vergangenen Jahrzehnt gerecht geworden. Denn Massenentlassungen, die auch in den neunziger Jahren vorkamen, konnten von der unermüdlich rotierenden amerikanischen Job-Maschine aufgefangen werden. Die Unternehmen schufen Jobs, weil sich die wirtschaftliche Zukunft in rosigsten Farben präsentierte. Das hat sich geändert.

Greenspan bastelt am Eintrag ins Geschichtsbuch

Wann und warum also wird diese Wirtschaft wieder anspringen? Weil die Zinsen auf dem niedrigsten Niveau seit sieben Jahren liegen, weil Verbraucher und Unternehmen ihre Kredite billiger finanzieren können, weil allein die Zinssenkungen schon die Stimmung anfachen?

Diese Fragen muss sich Alan Greenspan stellen. Der seit einer halben Ewigkeit, seit 1987 amtierende Notenbankchef hat für seine kluge Geld- und Zinspolitik weltweit Respekt geerntet. Ihm wird heute schon ein gehöriger Anteil an der beispiellosen amerikanischen Wirtschaftsdynamik der neunziger Jahre zugeschrieben. Greenspan wird sein Amt noch drei Jahre führen. Obwohl er es niemals eingestehen würde, bastelt er an seinem Bild in der Geschichte. Auch wenn Rezessionen zu einem ökonomischen Zyklus gehören wie der Aufschwung: Greenspan will verhindern, dass ausgerechnet in seinen letzten Jahren eine Rezession sein Image trübt, nachdem er zehn Jahre lang eine mustergültig funktionierende Konjunktur vorführte. Darum wäre er auch zu weiteren Zinssenkungen bereit.

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