US-Notenbank sollte innehalten
Kommentar: Ausgeschöpft

Die Zinssenkung der Fed war nicht so wichtig. Wichtiger für die Wirtschaft ist das, was zur Zeit im Weißen Haus passiert. Diese Äußerung von Andrew Brimmer, einem ehemaligen Mitglieds der US-Notenbank, zeigt das ganze Dilemma der amerikanischen Geldpolitik. Trotz der neunten Zinssenkung in diesem Jahr auf das niedrigste Niveau seit nahezu 40 Jahren wachsen die Zweifel an dem Vermögen von Fed-Chef Alan Greenspan, die US-Wirtschaft mit billigem Geld aus der Rezession zu ziehen.

HB DÜSSELDORF. Tatsächlich haben die bisherigen geldpolitischen Lockerungen kaum Wirkung gezeigt. Weder haben Unternehmen und Konsumenten mehr Kredite aufgenommen, um neue Ausgaben zu tätigen. Noch hat sich der Aktienmarkt erholt oder ist der starke Dollar nennenswert gesunken. Allein die amerikanischen Hausbesitzer haben die Gelegenheit genutzt, um ihre Hypothekendarlehen billig umzufinanzieren. Aber auch die dadurch frei gewordenen Finanzmittel sind nicht in den privaten Verbrauch geflossen.

Ökonomen wie Paul Krugman sehen die US-Wirtschaft bereits mit einem Fuß in der Liquiditätsfalle. Ähnlich wie in Japan sei das Vertrauen von Konsumenten und Firmen derart erschüttert, dass selbst ein Zinssatz von Null sie nicht mehr aus ihrer Lethargie reißen könne. Allzu weit sind die USA nicht mehr von dieser Marke entfernt. Bei einer Kerninflation von 2,7 Prozent und einem nominalen Leitzins von 2,5 Prozent ist der Realzins bereits negativ. Nur deshalb ist es den Autokonzernen möglich, Neuwagenkäufe mit zinslosen Darlehen zu finanzieren. Obwohl diese Maßnahme wieder mehr Käufer angelockt hat, halten sich jedoch die meisten Amerikaner mit größeren Anschaffungen zurück. Zu unsicher sind die Zeiten nach den Terroranschlägen vom 11. September. Zu groß ist vor allem die Furcht, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren. Auch die Unternehmen warten ab. Ihre Kapazitäten sind ohnehin nur zu drei Viertel ausgelastet. Warum also neu investieren?

Ex-Notenbanker Brimmer weist jedoch noch auf einen anderen Punkt hin: die Regierung ist jetzt in der Pflicht. Nachdem die Möglichkeiten der Geldpolitik nahezu ausgeschöpft sind, muss die Fiskalpolitik einspringen. Anders als in Europa gibt es in den USA zumindest darüber einen breiten politischen Konsens. Welche Maßnahmen getroffen werden sollen, ist jedoch heftig umstritten. Am besten wäre es, die ohnehin geplante Steuerreform vorzuziehen und das Geld vor allem den Einkommensschwächeren zufließen zu lassen. Sie werden noch am ehesten zusätzliche Dollar im Portemonnaie sofort auszugeben. Zudem können gezielte und befristete Investitionen des Staates die Nachfrage neu stimulieren.

Was bleibt für die Fed noch zu tun? Nach der raschen Liquiditätsspritze sollte Alan Greenspan jetzt inne halten. Auch wenn er die Tür für weitere Zinssenkungen ausdrücklich offen gelassen hat und die Finanzmärkte bereits weitere Schritte einplanen. Es ist besser richtig als schnell zu handeln, hat Greenspan den Fiskalpolitikern in Washington geraten. Das gilt auch für seine Geldpolitik. Solange nicht klar ist, welche Wirkungen die bisherigen Zinssenkungen entfalten, sind neue Lockerungen nicht hilfreich. Weder für die Unternehmen, die ihre Investitionsüberhänge erst abbauen müssen. Noch für die Verbraucher, deren Vertrauen sich mit billigem Geld allein nicht zurück gewinnen lässt.

Die Bedeutung der Geld- und Fiskalpolitik für die wirtschaftliche Zukunft der USA ist angesichts der aktuellen Krise ohnehin begrenzt. Wichtiger für das Zukunftsvertrauen der Amerikaner sind vermutlich die politischen und militärischen Entscheidungen des Weißen Hauses.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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