US-Präsident muss neuen Notenbank-Chef benennen
Wanted: Ein Nachfolger für Alan Greenspan

Die wichtigste wirtschaftspolitische Personalentscheidung der zweiten Amtszeit von George W. Bush betrifft nicht sein Kabinett. Er muss vielmehr den nächsten Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) auswählen. Bis Ende Januar 2006 hat er Zeit, einen Nachfolger für Alan Greenspan zu finden, der dann nach mehr als 18 Jahren an der Fed-Spitze in den Ruhestand geht.

NEW YORK. Für den Präsidenten hat diese Wahl eine enorme Bedeutung, weil der Notenbank-Chef mehr Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes hat als Bush selbst. Die Fed kann mit Hilfe ihres mächtigen Zinshebels die Wirtschaft stimulieren oder bremsen. Bush sind dagegen angesichts des riesigen Haushaltsdefizits weitgehend die Hände gebunden, wenn es darum geht, die Konjunktur zu steuern.

Zu den Favoriten für den Posten an der Fed-Spitze zählen die beiden Wirtschaftsprofessoren Martin Feldstein und Glenn Hubbard. Beide gelten als die Architekten der Steuersenkungen, die Bush in seiner ersten Amtszeit durchgeführt hat. Während Feldstein (65) dabei eher im Hintergrund die Fäden zog, diente Hubbard (46) als Wirtschaftsberater zwei Jahre lang im Weißen Haus.

Es ist deshalb zunächst nicht zu erwarten, dass sie als Notenbank-Chef den politischen Druck auf Bush erhöhen, die Konsolidierung des Haushalts zu forcieren. Feldstein galt früher allerdings als Defizit-Falke und könnte als Chef der unabhängigen Fed auf kritische Distanz zur Administration gehen. Für den langjährigen Harvard-Professor spricht, dass er als Chef des Konjunkturforschungsinstituts National Bureau of Economic Research (NBER) bewiesen hat, unterschiedliche Meinungen zusammenführen zu können. "Feldstein und auch Hubbard sind hervorragende Ökonomen", sagt Diane Swonk, ehemalige Chefvolkswirtin der Bank One in Chicago. Keiner von beiden verfügt jedoch über besonders enge Kontakte zur Wall Street.

Hubbard hat als Wirtschaftsberater für Bush eher durch sein organisatorisches Talent und seinen souveränen Umgang mit den Medien überzeugt. Der Dekan der Columbia University gilt als Steuerexperte, in der Geldpolitik ist er dagegen weniger zu Hause. Beobachter erwarten jedoch ohnehin nicht, dass sich die Geldpolitik nach dem Abtritt von Greenspan kurzfristig ändern wird. Zu stark hat der inzwischen 78-Jährige die Fed geprägt. Auch der künftige Notenbank-Chef wird zumindest in den ersten Jahren an jener Mischung aus Risikomanagement und pro-aktiver Zinspolitik festhalten, die die mächtigste Zentralbank der Welt so erfolgreich gemacht hat.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%