US-Präsident vermied das Reizwort "Irak"
Berlin in 20 Stunden: Bush ruft eine neue Ära aus

Im Reichstag bekommt der US-Präsident doch noch ein bisschen Gegenwind. "Man muss entschieden sein in der Bekämpfung der Gegner", ruft er im vollbesetzten Plenarsaal, als Abgeordnete der PDS-Fraktion ein Transparent entfalten. "Mr. Bush + Mr. Schröder stop your wars" steht darauf. Ein kurzer Tumult, Bush sieht irritiert zur Seite und hebt beschwichtigend die Hände. Nach einigen Sekunden haben Saaldiener das Anti-Kriegs-Plakat entfernt.

Reuters BERLIN. In seiner Rede beschwört Bush die Bedeutung Deutschlands, die Einigkeit Europas und der USA und die Partnerschaft mit dem früheren Erzfeind Russland. Und er vermeidet ein Reizwort: Irak.

19 Stunden und 33 Minuten hält sich Bush in Berlin auf, es ist sein erster Deutschland-Besuch, und er will ihn als historisch verstanden wissen. "Eine neue Ära hat begonnen", ruft der US-Präsident im Reichstag, wo schräg hinter Schröder dessen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) Platz genommen hat. Die Bundesrats-Bank ist komplett besetzt, die Minister sind anwesend, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, sitzt auf der Tribüne.

Eine Ära neuer Gemeinschaften und mit vielen Verbündeten sieht Bush, bedroht allerdings von Terror und Diktaturen. "Vernünftig und entschieden" werde man gegen die Gegner vorgehen, sagt Bush, versichert aber, die Verbündeten auf jeden Fall zu konsultieren.

Nur die PDS-Abgeordneten applaudieren nicht

Die Rede kommt an - auch unter den Kritikern der USA. Der Grünen-Abgeordnete Winfried Herrmann, einer der engagiertesten Gegner des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr sagt: "Es war eine für mich erstaunlich zivile Rede. Bush hat nicht den Hardcore-Cowboy gegeben." Die PDS-Abgeordnete Petra Pau sagt: "Ich finde, der Präsident hat deutlich abgerüstet." Ob die Rede allerdings die Bedeutung hat, mit der sie angekündigt worden war? SPD-Fraktionschef Peter Struck hat da leise Zweifel: "Es war eine bedeutende Rede, ob sie historisch war, muss sich noch zeigen." Schröder findet einen Kompromiss und nennt die Rede herausragend und die Äußerungen über Russland historisch.

Als Bush nach gut einer halben Stunde endet, da applaudieren einzig die PDS-Abgeordneten nicht. Fraktionschef Roland Claus entschuldigt sich allerdings beim Präsidenten für die Plakataktion. Teilnehmer des Treffens des Präsidenten mit den Fraktionschefs berichten, Bush habe die Entschuldigung von Claus angenommen und ihm geraten, die Sache nicht so ernst zu nehmen.

Kritische Worte waren zuvor von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse gekommen, der in seiner Begrüßungsrede für Bush die Schaffung eines Internationalen Strafgerichtshofes und die Einhaltung der Klimaschutzziele von Kyoto anmahnte. Damit artikulierte der SPD-Politiker die Themen der Demonstranten, von denen Bush hermetisch abgeschirmt wurde. Applaus gab es dafür von den Koalitionsbänken, bei der Union rührte sich kaum eine Hand.

Harmonie zwischen den Staatschefs

Nicht nur Schulterklopfen hatte es wohl auch im Kanzleramt bei Kanzler Schröder gegeben: "Eine der Sachen, die ich an Gerhard mag, ist, dass er bereit ist, auf Probleme in einer offenen Weise zuzugehen", sagte Bush auf der Pressekonferenz in einer längeren Lobeshymne auf den immer breiter strahlenden Kanzler. Zuvor hatte es geheißen, Schröder werde auch den Umgang der USA mit dem Irak ansprechen. "Es gibt keine konkreten Pläne für militärische Aktionen", konnte er danach vermelden. Das hatte auch Bush schon vor dem Abflug nach Europa öffentlich erklärt.

Freundschaft, Harmonie und Einigkeit betonen die beiden Regierungschefs. Und doch gibt es Anlass zur Klage für den US-Präsidenten. "Es frustriert mich, dass ich die wachsende Stadt nicht sehen kann", gibt Bush in der Pressekonferenz zu, die wie sonst selten im Garten des Kanzleramts stattfindet.

Der Eindruck, den Bush von der Millionenstadt mitnimmt, ist der einer menschenleeren Stadt mit einem Haufen roter Teppiche. Die Straßen um sein Hotel und das Regierungsviertel sind weiträumig abgesperrt. Bäckereien und Cafes sind geschlossen. Aus dem "Cafe Einstein" werden die Gäste von Sicherheitspersonal hinauskomplimentiert. Die U-Bahn-Station "Unter den Linden" ist wie zu DDR-Zeiten ein Geisterbahnhof. Scharfschützen stehen auf den Dächern, Hubschrauber kreisen über Berlin-Mitte. Journalisten müssen sich Stunden vor der Pressekonferenz und Ansprache zum Sicherheitscheck einfinden. Die Zehntausenden, die am Dienstag und Mittwoch meist friedlich und in Straßenfest-Atmosphäre in Berlin demonstrieren, sieht Bush höchstens im Fernsehen. "Ich lebe in einer Blase. So ist es, wenn man Präsident ist." Bedauerlich sei das, er gehe schließlich gerne unter Leute.

Immerhin ein paar Hände habe er schütteln können am Mittwochabend im Restaurant "Theodor Tucher", sagt Bush. Einen Apfelstrudel hat der US-Präsident dort gegessen, Schröder pflegte die ihm zugeschriebene Bodenständigkeit und orderte Currywurst. Ganz gemütlich fand Bush das wohl mit dem Gerhard, immerhin so sehr, dass er ihn in seine künftige Freizeitplanung einbezog: "Wenn ich irgendwann zurückkomme, können wir zusammen angeln gehen."

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