US-Supermarkt- und Apothekenkette Giant Food geht mit 160 Systemen an den Start
Ärztliches Gekrakel als Orakel

Rezepte werden in den USA mehr und mehr elektronisch erstellt - das kann sogar Leben retten

New York. Was das Gekrakel wohl bedeuten mag? Oder ist das Gekrakel ein Orakel, erstellt von einem dieser Priester im weißen Kittel? Lesbar jedenfalls ist eine klassische Arztschrift in den seltensten Fällen, immer noch gilt sie als Synonym schlechthin für eine furchtbare Handschrift. Wer als Normalleser versucht, ein Rezept zu lesen, ist stets erstaunt, was Apotheker darauf noch entziffern. Doch nicht alle Apotheker können alle Doktorschriften lesen, meistens beschränkt sich ihre Kunst auf die Buchstaben einiger Ärzte der näheren Umgebung. Auch in den USA quälen sich Apotheker immer wieder durch die kaum leserliche Schriften auf Rezepten. Mit teilweise gravierenden Folgen: Nach einer Untersuchung des Institute of Medicine kosten fehlinterpretierte Rezepte das Gesundheitswesen jedes Jahr etwa 77 Mrd. $ - und verursachen sogar hunderte Todesfälle.

Doch damit ist es bald endgültig vorbei. Schon jetzt werden in vielen amerikanischen Praxen die Rezepte per PC ausgedruckt und nur noch unterschrieben. Demnächst soll auch dies entfallen, indem die Rezepte direkt online an die Apotheken geschickt werden.

Weniger Fehler durch das E-Rezept

Giant Food, eine der großen amerikanischen Supermarkt- und Apothekenketten, und der Verband der amerikanischen Apotheken nehmen derzeit ein entsprechendes System in Betrieb. Für den Versand der so genannten E-Scripts muss der Arzt nicht mal mehr an seinem Schreibtisch sitzen - er kann es auch vom Kleincomputer oder Handy aus verschicken.

"Das E-Script wird dazu führen, dass weniger Fehler anfallen, der Verwaltungsaufwand bei den Ärzten, Apotheken und Krankenkassen sinkt und der Arzt mehr Zeit für den Patienten hat", lobte jüngst der US-Gesundheitsminister Tommy G. Thompson das System.

Das elektronisch vorliegende Rezept wird nur noch computergestützt bearbeitet. Die Apotheken ergänzen es um Ausgabedaten sowie Preis und leiten alles direkt an die Krankenkassen zur Abrechnung weiter. Giant Food hat das System derzeit in sechs seiner Apotheken installiert, noch in diesem Monat sollen 154 weitere hinzu kommen.

Dass ausgerechnet eine Supermarktkette ein solches System startet, mag deutsche Kunden verwundern. In den USA ist es ganz normal - denn die meisten Apotheken sind dort innerhalb eines Supermarktes oder einer Drogerie angesiedelt. Nur in den Großstädten in der Nähe großer Kliniken gibt es reine Apotheken wie man sie in Deutschland kennt.

Finanziert wird das elektronische Rezept von Ärzten und Apotheken. Die Lizenzgebühr für die Praxis-Software beträgt 30 $ im Monat, hinzu kommt eine Transaktionsgebühr pro Rezept bei den Apotheken. Weitere Einnahmen versprechen sich die Betreiber durch Sponsoring der Pharmaindustrie und entsprechende Werbung.

Giant Food ist zwar der Erste, der das E-Script jetzt auf breiter Front zum Einsatz bringt, aber nicht der Einzige. Schon seit zwei Jahren betreibt Proxymed in Florida ein ähnliches System, an das aber nur wenige Ärzte angeschlossen sind. Proxymed hat deshalb im Dezember sein System auf die so genannte RxHub-Technik umgestellt - als Teil eines Feldversuches, den der Pharmakonzern Merck-Medco sowie der Gesundheits-Dienstleister Express Scripts betreiben.

Der Versuch soll den Prozess von Verschreibung und Abrechnung automatisieren, und zwar auf großer Basis: Express und Merck-Medco haben im vergangenen Jahr mit rund 125 Millionen Ärzten, Krankenhäusern und Patienten gut 2,5 Mrd. Rezepte bearbeitet. Hieran zeigt sich, wie lukrativ der amerikanische Gesundheitsmarkt ist. "Im Pharmawesen werden Milliarden Dollars bewegt und die Industrie weiß um die Wichtigkeit, genau dort präsent zu sein, wo das Medikament verschrieben wird", sagt Forrester-Analyst Michael J. Barrett. "Deshalb wollen die Krankenkassen, die Apothekenketten und die Pharmaindustrie die Lufthoheit über den ,Verschreibungsprozess? gewinnen."

"Die meisten Rezepte werden von nur 200 000 Ärzten verschrieben", sagt Craig Fuller, Präsident des NACDS-Verbandes. "Bei denen müssen wir der erste Partner sein."

Auch Partnerschaften mit der IT-Industrie sollen der Technik den Weg in den Massenmarkt ebnen: Merck-Medco etwa kündigte jüngst die Kooperation mit E-Physician an, einem Hersteller von Arztsoftware für Kleincomputer im Klinik-Einsatz. Bei der Ankündigung redeten beide Unternehmen über das Ziel, den Zugang zu der Stelle zu erhalten, wo das Medikament verschrieben wird. "Point of sale" (POS) heißt so was in der Marketingsprache, aber das war den Anbietern ganz offensichtlich zu kommerziell. Und so wurde daraus schnell der "Point of care", ein Punkt der Pflege also. Fragt sich nur, wer an dieser Stelle wen pflegen will.

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