US-Wahl
Gezwungenes Siegerlachen

Die Körpersprache verriet, was in Barack Obama gerade vorging. Als er mit seiner Frau Michelle die Bühne in St. Paul betrat, machte er diese zunächst eine Handbewegung, die sagte: „Mach Dir nicht zuviel draus, auch das kriegen wir hin“. Dann berührten sich für einen Sekundenbruchteil ihre geballten Fäuste an den Knöcheln. Schließlich trat Obama ans Mikro.

WASHINGTON. Doch statt an die Adresse seiner Rivalin, die nur Minuten zuvor die nüchternen Fakten negiert hatte, Spitzen zu verteilen, lobte er sie minutenlang. Er lobte Hillary Clintons Wahlkampf, er lobte die Senatorin als politische Führerin, er erkannte an, was Hillary Clinton für die Sache der Frauen geleistet hatte. Und schließlich sagte er auch das: "Im Wahlkampf mit ihr bin ich ein besserer Kandidat geworden". Worte, die man nicht sagen muss. Vor allem dann nicht, wenn einem am letzten Abend der Vorwahlen gerade der Sieg sauer gemacht wurde.

Hillary Clinton hatte beflügelt von ihrem Vorwahl-Erfolg in South Dakota - Obama gewann Montana - nicht die Größe gefunden, um über ihren Schatten zu springen. Die Rede, die sie in New York hielt war eine weitere Wahlkampfrede, eine Fortsetzung der Auseinandersetzung, die am 3. Januar in Iowa begonnen hatte und die eigentlich nun vorbei war.

Die 60-Jährige versagte nicht nur das lange zuvor spekulierte Eingeständnis der eigenen Niederlage. Sie hielt ihre Rede vor allem in einem Ton, der nicht im Mindesten darauf schließen ließ, dass sie sich als Verliererin sieht. Hillary Clinton kündigte lediglich an, dass sie in den nächsten Tagen mit dem Führungspersonal der Demokratischen Partei Gespräche über das weitere Vorgehen führen würde. Mehr nicht: Für Obama war dies eine kalte Dusche.

Statt endlich entspannt und wie ein erlöster Sieger aufzutreten musste sich deshalb der Senator aus Illinois selbst an seinem strahlendsten Abend größte Selbstkontrolle auferlegen. Obama hatte zum Zeitpunkt von Hillarys Rede schon lange die magische Grenze übersprungen, die ihm die Mehrheit von gewählten und Super-Delegierten sicherte.

Im Laufe des Tages waren immer mehr Super-Delegierte in das Obama-Camp eingeschwenkt. Die Mathematik war so eindeutig auf seiner Seite, dass es am Resultat nichts zu deuteln gab - außer für Hillary Clinton.

Doch was will Hillary? Sie selbst stellte ironisch diese Frage auf dem Podium in New York, verweigerte aber eine echte Antwort. "Ich will den Krieg im Irak zu einem Ende bringen, ich will die Volkswirtschaft nach vorne bringen, ich will eine Gesundheitsreform", verbreitete sie Wahlkampfrhetorik.

Und dann schließlich: "Keine Entscheidungen heute Nacht". Als sie das sagte brandete enthusiastischer Beifall ihrer Fans auf. Die hatten gestern auch keine Lust an das Ende der Kampagne zu denken. "Run, Hillary, run", hatte eine Anhängerin auf ihr T-Shirt gedruckt. Es soll einfach weitergehen, vielleicht geschieht ja noch ein Wunder - oder ein Unglück, dass die ehemalige First Lady aufs Schild hievt.

Obama verzog derweil nur ein paar Mal die Mundwinkel und musste sich in manchem Augenblick regelrecht zu einem Siegerlachen zwingen. Dabei hielt er auch diesmal eine exzellente Rede, in der sich viele Amerikaner mit ihren Sorgen und Nöten wieder finden konnten. Und als er schließlich erklärte: "Ich bin der demokratische Kandidat für die Wahl des nächsten amerikanischen Präsidenten" sagte er dies mit so viel Nachdruck, als wolle er sich seinem Ärger über die ewige Hillary wenigstens in diesem Moment etwas Luft machen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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