US-Wahlen: Kommentar: Goodbye, Rudy!

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Kommentar: Goodbye, Rudy!

Rudy Giulianis Scheitern belegt, wie gut das US-Wahlssystem als Mittel der politischen Partizipation funktioniert. Klar, seine Bauchlandung in Florida ist auch ein Ergebnis des Hochmuts des „American Mayor“. Doch es ist vor allem der Wahlprozess, der Giuliani als das entzaubert, was er in Wirklichkeit ist.

Rudy Giulianis Scheitern belegt, wie gut das amerikanische Wahlssystem als Mittel der politischen Partizipation funktioniert. Klar, seine Bauchlandung in Florida ist auch ein Ergebnis des Hochmuts des "American Mayor". Aber es gibt eben nichts besseres als einen Vorwahl-Marathon, um auch eine nationale Ikone wie den New Yorker Sanierer und 9/11-Helden Giuliani auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

Er hatte ganz bewusst eine riskante Strategie gefahren. Um sich die Mühen der Ebene zu sparen hatte Giulianis Team die ersten Vorwahlen in den kleinen, ländlichen Staaten wie Iowa völlig ausgelassen. In New Hampshire hat er sich zwar blicken lassen, aber nur halbherzig, es ging ja nur um ein paar Delegierte. Statt dessen wollte er seine Kräfte schonen, um dann bei der Wahl in Florida aufzutrumpfen. Eine Woche später, beim Super Tuesday, wollte er die Delegiertenstimmen abräumen.

Eine Strategie, die bislang nie funktioniert hat. Und auch Giulianis Popularität konnte die Gesetze der amerikanischen Politik nicht außer Kraft setzen. Während er selbst aus den Medien fast vollständig verschwand konnten sich selbst so Außenseiter wie Mike Huckabee und Mitt Romney in Szene setzen. Und John McCain, der mit seinen 71 Jahren durch jeden einzelnen Staat zieht, etablierte sich als neuer republikanischer Hoffnungsträger.

Eine Entwicklung, die jeder Wahlstratege mit einem Blick auf die nationalen Zustimmungsraten in den Umfragen wunderbar verfolgen konnte: Lag Giuliani Anfang vergangenen Jahres mit 40 Prozent einsam an der Spitze, so sank sein Stern mit jeder Vorwahl zu Beginn dieses Jahres: Nach Iowa war der New Yorker bei 20 Prozent angelangt – und sowohl Huckabee (!) als auch McCain an ihm vorbeigezogen. Zum Schluss lag Giuliani unter 13 Prozent und auch hinter Romney auf Platz vier.

Hinzu kam, dass Giuliani kein eigenes Thema gefunden hatte. Immer wieder wiederholte er seine Erfolge aus New York. Doch wurde er bei Übertreibungen ertappt und von alten Sünden der Vetternwirtschaft eingeholt. Selbst auf seinen Ruhm als Retter des Big Apple nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fiel ein Schatten, als ihm Vertreter der Opfer vorwarfen, die Tragödie zu seinem eigenen Vorteil auszuschlachten. Und bei den wirklich großen Themen, der drohenden Rezession und dem Irakkrieg, hatte Giuliani nicht viel zu bieten.

Damit entzauberte der Wahlprozess Giuliani als das, was er in Wirklichkeit ist: ein erfolgreicher Lokalpolitiker mit einem Hang zum Größenwahn, der seinen Zenit aber längst überschritten hat. Was ihm bleibt, ist die Größe des Abschieds: Mit einem raschen Abzug und einer klaren Empfehlung für seinen Freund John McCain sollte er seinen Ruf retten, hoch zu pokern und ehrlich zu verlieren.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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