US-Wahlkampf
Der Erlöser

Barack Obama eilt bei den Vorwahlen um die US-Präsidentschaftskandidatur derzeit von Sieg zu Sieg. Von ihm erhofft sich die Nation Weihe, Waschung und Wunder. Er wäre die schönste Hypothek, mit der sich die Amerikaner je belastet haben: Eine Polit-Ikone.
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WASHINGTON/DÜSSELDORF. Im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten hat Barack Obama nach ersten Hochrechnungen von Medien auch die Vorwahlen im Bundesstaat Maine für sich entschieden. Bei der Abstimmung ne kam Obama nach Auszählung von rund 95 Prozent der Stimmen nach Angaben des Fernsehsenders CNN auf 59 Prozent. Seine Konkurrentin Hillary Clinton erreichte etwa 40 Prozent.

Das Kopf-an-Kopf-Rennen um die Stimmen der Delegierten für den Nominierungsparteitag im Sommer setzt sich damit fort. Insgesamt liegen beide derzeit etwa gleichauf. Vor Monaten war Clinton noch als klare Favoritin gehandelt worden. Am Dienstag stehen Vorwahlen in den Bundesstaaten Virginia und Maryland sowie in der Hauptstadt Washington DC an. Umfragen sehen auch dort Obama vor Clinton.

Barack Obamas Ruhm gründet auf einer Rede und zwei Büchern. Die Rede hielt Obama am 27. Juli 2004 auf dem Parteitag der Demokraten in Boston, sie dauerte 18 Minuten und umfasste 2 166 Wörter, ein paar Hundert weniger als dieser Text. Die beiden Bücher sind so etwas wie die Langversion dieser Rede, das eine 448 Seiten stark, das andere 480, eine programmatische Autobiografie das erste („Ein amerikanischer Traum“), ein autobiografisches Programm das zweite („Hoffnung wagen“). Politik und Privatleben – bei Barack Obama ist das eine nicht vom anderen zu trennen. Seine Biografie ist sein politisches Programm.

Barack Obama ist mit sich und seinem Lebenslauf unbedingt einverstanden. Seine rhetorische Überzeugungskraft, seine mitreißenden Politikpredigten, seine zustimmungspflichtigen Botschaften – das alles sind nur Ableitungen und Schlussfolgerungen seiner umfassenden Selbstbejahung. Wer wirklich verstehen will, warum Barack Obama seine Landsleute fasziniert, verzückt und bezaubert, muss den Blick hinter seine Begabungen und Fähigkeiten werfen: Sie sind weder angeboren noch trainiert, sondern das zwangsläufige Produkt seiner widersprüchlichen Sozialisation.

Barack Obama hat in seinem Leben viele Verwundungen erlitten und Haken geschlagen, zwischen allen Stühlen gesessen und beständig um seine Identität gerungen. Er wird als Sohn eines ehrgeizigen Kenianers und einer gütigen Entwicklungshelferin aus Kansas geboren, seinen Vater lernt er kaum kennen, die Ehe der Eltern geht schnell in die Brüche, Barack wächst drei Jahre bei seinem Stiefvater in Indonesien auf, später bei den Eltern seiner Mutter in Honolulu (Hawaii). Er kriselt sich mit Haschisch, Nietzsche und Billy Holiday durchs Studentenleben, kämpft sich sechs Jahre lang als Kommunalarbeiter in Chicagos Süden durchs Elend schwarzer Underdogs.

Als Endzwanziger pendelt er gedanklich zwischen der radikalen schwarzen Befreiungstheologie seiner Heimatkirche in Chicago und der konservativen Juristenfakultät in Harvard hin und her; er empfängt von Jeremiah Wright, seinem Pfarrer, der von der allgemeinen Tyrannei einer weiß gefärbten kapitalistischen Gier überzeugt ist, tränenüberströmt seine religiöse Erweckung – und sorgt als erster schwarzer Präsident einer Fachzeitschrift für Rechtswissenschaften („Harvard Law Review“) für nationales Aufsehen. In dieser Zeit macht Barack Obama zwei gegensätzliche Erfahrungen: Erstens, dass die weiße Gesellschaft seine Anpassung honoriert – auf Kosten seiner schwarzen Identität. Und zweitens, dass „ein Lebenslauf wie meiner nur in den Vereinigten Staaten möglich ist“.

Die Polarität seiner Prägungen hat Barack Obama nie vergessen und aufgehoben, wenngleich gezähmt und temperiert an der Seite seiner Frau Michelle, als Vater zweier Töchter, synthetisiert und umgedeutet in ein Programm der Zuversicht als Senator des Staates Illinois und internationale Politpop-Ikone. Noch immer beginnt Barack Obama seine Reden mit der Beschreibung des Weltelends, noch immer lässt er sie enden mit einem universellen Heilsversprechen – und immer dient ihm dabei die eigene Biografie als Parabel, Beglaubigung und Blaupause. Eben deshalb stehen bei Barack Obama nicht nur Gott im Zentrum seiner Gnadenrhetorik, sondern auch – die Vereinigten Staaten.

Beide, Gott und die USA, erfüllen Obama zufolge die zutiefst menschliche Sehnsucht, ihr „Leben in einen großen Zusammenhang zu stellen“. Es ist dieser Zusammenhang, der Barack Obama heute widerspruchsfest in sich selbst ruhen lässt, ausgestattet mit einer stabilen Weltsicht, einem realitätsgeprüften Urteilsvermögen – und dem unerschütterlichen Glauben an die ewige Wahrheit eines Gedankenzuges, mit dem er seit nunmehr vier Jahren wie ein politischer Wanderprediger durchs Land zieht: Wer träumt, der wagt – und wer wagt, der gewinnt. Wer hofft, der eint, und wer eint, der befriedet. Wer glaubt, schafft Zukunft – und wer Zukunft schafft, der verändert die Welt.

Dieser Gedankenzug hat Barack Obama auf die Titelseiten von „Time“ und „Newsweek“ gebracht, ihm ein Haus mit vier Kaminen, Bücherregalen aus Mahagoni und einem ausgezeichnet bestückten Weinkeller beschert. Dieser Gedankenzug verschlägt den Vereinigten Staaten seit Monaten den Atem. Dieser Gedankenzug elektrisiert Hollywood, ergreift Rockbands, rührt Intellektuelle. Dieser Gedankenzug verbreitet sich wie ein Lauffeuer über die Festplatten der You-Toube-Generation – und wer weiß, vielleicht trägt dieser eine, klare, unwidersprechliche Gedankenzug Barack Obama am 20. Januar 2009 ins Weiße Haus.

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