US-Wahlkampf
Der Kandidat an seiner Seite

Amerikas Präsidentschaftskandidaten suchen emsig nach Vizekandidaten. Bewerber gibt es reichlich – knifflig ist die Entscheidung dennoch, besonders für Barack Obama. Denn ihm sitzt die mächtigste Familie seiner Partei im Nacken.

WASHINGTON. Es gibt einen Traum, der Bob Beckel um den Schlaf bringt: Kurz vor dem Parteitag der Demokraten in Denver telefoniert Bill Clinton mit einem Superdelegierten. Der sagt: „Mr. President, es fällt mir ungemein schwer, aber ich werde für Obama stimmen.“ Clinton antwortet: „Na gut, aber war ich nicht immer für dich da, wenn du mich gebraucht hast?“ Der Delegierte haucht ein „Ja“. Clinton stößt nach: „Deshalb brauchen wir jetzt deine Hilfe: Du wirst Hillary zu Obamas Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten wählen.“ Zögern kriecht durch die Leitung, dann: „Ja, Mr. President“. Das Gespräch ist beendet.

Beckel weiß, was er da träumt. 1968 war er beim Wahlkampf von Robert Kennedy ums Weiße Haus dabei und 1984 bei dem von Walter Mondale. Beckel erlebte, wie ein Attentat Kennedys Triumphzug stoppte und in wenigen Tagen die Kampagne der Demokraten in sich zusammenfiel. Und Beckel musste mitansehen, wie der ehrliche Mondale höhere Steuern ankündigte und sich so gegen Ronald Reagan sein eigenes Grab schaufelte. Und nun vielleicht ein vermeintliches Traumteam aus Barack Obama und Hillary Clinton, das zum Alptraum wird?

Die Entscheidung, wen ein Präsidentschaftskandidat zu seinem Vize macht, ist eine der kniffligsten in der US-Politik. Für Obama ist sie noch ein wenig schwieriger als für viele seiner Vorgänger oder für seinen republikanischen Gegner John McCain. Denn Obama sitzt auch noch die mächtigste Familie seiner Partei im Nacken: die Clintons.

Fast demütig wirkt Obama nach außen, wenn er auf das Thema angesprochen wird. Es sei „noch ein bisschen Arbeit zu tun“, bevor die Nominierung geklärt sei, sagt er nur.

Sein Gegenspieler McCain führte derweil am Wochenende auf seiner Ranch in der Nähe von Sedona, Arizona, bereits Bewerbungsgespräche für den Vize-Job. Geladen hatte er die Gouverneure Charlie Crist aus Florida, Bobby Jindal aus Louisiana und den Ex-Gouverneur Mitt Romney aus Massachusetts.

Obama muss sich zunächst einer Umarmung der Clintons erwehren. Schon tauchen in Leitmedien wie der „New York Times“ Geschichten darüber auf, wie Ex-Präsident Clinton die Strippen zieht, um den vermeintlich neusten Plan für seine Frau umzusetzen: Vizepräsidentschaft 2008, Präsidentschaft spätestens 2016.

Das dürfte Obama kaum gefallen. Höflich lässt er die Kontrahentin loben – „Hillary Clinton wäre bei jedermann in der engeren Wahl“, sagen seine Berater. Zugleich sucht Obama einen Vize, der Hillary Clinton vergessen macht. „Obama braucht einen Kandidaten, mit dem er die Hillary-Fans versöhnt, mit dem er aber auch gleichzeitig gut kann“, sagt Politikexperte Bob Guttman von der Johns-Hopkins-Universität.

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Der Kandidat an seiner Seite

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