US-Wahlkampf geht in den Endspurt – Nach dem ersten TV-Duell steht Kerry unter Druck
Bush bei Wahlmännern klar vorn

Mit der ersten Fernseh-Debatte zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem demokratischen Herausforderer John Kerry in der vergangenen Nacht ist der US-Wahlkampf in die heiße Schlussphase gegangen. Kerry steht in den vier Wochen bis zum Wahltag am 2. November unter erheblichen Druck. Denn Bush hat sich - unabhängig vom ersten TV-Duell - in den vergangenen zwei Monaten in den Umfragen einen soliden Vorsprung erarbeitet. Die wichtigsten Institute sehen ihn mit drei bis acht Prozentpunkten vorn.

HB WASHINGTON.Wichtiger noch: Kerry ist in wichtigen Bundesstaaten zurückgefallen. Ursprünglich hatte er sich vorgenommen, in 18 bis 20 Staaten ernsthaft gegen den Präsidenten zu konkurrieren. Die Opposition nahm dabei auch Staaten wie Ohio, Missouri, Arkansas, Louisiana oder Arizona auf ihre Rechnung, die 2000 für Bush gestimmt hatten. Dies scheint mittlerweile nicht mehr der Fall zu sein. Nachdem Bush dort deutlich in Führung liegt, haben die Demokraten ihre Fernseh-Werbung bereits zurückgefahren. Kerry muss jetzt sogar um Staaten kämpfen, die 2000 an Gore gingen: Pennsylvania, Minnesota oder Iowa.

Die stark an Regionen ausgerichtete Kampagne liegt an der Eigentümlichkeit des Wahlsystems. Anders als in Deutschland spielt die Gesamtzahl der auf nationaler Ebene erzielten Stimmen keine Rolle. Vielmehr bekommt in 48 von 50 Bundesstaaten der Kandidat mit relativer Mehrheit alle Stimmen, die traditionell in Wahlmänner umgerechnet und zum Schluss addiert werden. 270 Wahlmännerstimmen sind für den Sprung ins Weiße Haus nötig. Bevölkerungsreiche Staaten wie Kalifornien haben mehr Wahlmänner als kleine Staaten wie Idaho. Daher war es für Bush in 2000 so entscheidend, Florida mit einer hauchdünnen Mehrheit von 537 Wählerstimmen zu gewinnen. Er kam dadurch am Ende auf 271 Wahlmännerstimmen, obwohl Gore landesweit über eine Mehrheit von 500 000 Wählerstimmen verfügte.

Sowohl Bush als auch Kerry haben Staaten, auf die sie fest bauen können und die sie daher mit Wahlwerbung verschonen. Dem Präsidenten sind die Bergstaaten von Montana bis Kansas sowie der tiefe Süden von Tennessee bis Georgia sicher. Das macht in der Summe 18 Staaten mit insgesamt 144 Wahlmännerstimmen. Kerry kann hingegen auf Kalifornien und den Großteil der Nordostküste von Vermont bis Maryland zählen. Das sind elf Staaten mit 153 Wahlmännerstimmen. Nimmt man aber die Staaten hinzu, die deutlich zu einem der Kandidaten tendieren, führt Bush mit fast 260 vor Kerry mit 185 Wahlmännern. Nur ein Dutzend Staaten gilt noch als wirklich umkämpft.

Das Kerry-Lager setzt nun auf die Endspurtqualitäten des Oppositionsmannes. Auch bei den Vorwahlen im Frühjahr hatte Kerry triumphiert, obwohl er im Dezember weit zurückgelegen hatte. Auch bei seiner bisher größten politischen Schlacht, der Wiederwahl um den Senatssitz von Massachusetts 1996 gegen den populären Gouverneur William Weld, hatte Kerry erst im Endspurt gepunktet.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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