US-Wahlkampf
Gore und Bush liefern langweilige TV-Debatte

Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen vor den TV-Kameras zeigten die beiden US-Präsidentschaftskandidaten wenig Profil. Nach Ansicht der Kommentatoren endete die Debatte unentschieden.

afp WASHINGTON. Der Moderator der ersten Fernsehdebatte zwischen den beiden US-Präsidentschaftskandidaten Al Gore und George W. Bush sah sich mehrfach zur Nachfrage genötigt. Ob er richtig verstanden habe, dass sie beide ungefähr der gleichen Meinung seien, meinte der Journalist Jim Lehrer nach dem einen oder anderen Wortwechsel über die Bildungs- oder Energiepolitik.



In der Tat trugen der Demokrat und der Republikaner nicht nur ähnliche dunkelgraue Anzüge und rostrote Krawatten. Mit identischen Formulierungen wie «mein Plan besagt» wirkte ihr Duell ums Weiße Haus auch streckenweise eher wie ein Duett. So sehr sich die beiden Bewerber für die Nachfolge von Präsident Bill Clinton um Abgrenzung bemühten, im Endeffekt machten sie bei ihrem ersten Schlagabtausch kaum Boden gut.



Wer vom ersten Aufeinandertreffen zwischen dem demokratischen Vizepräsidenten und dem republikanischen Gouverneur von Texas einen K.o.-Sieg erwartet hatte, schaltete am Dienstagabend enttäuscht den Fernseher aus. Nach 90 Minuten Streitgespräch über Steuern, Renten und Krankenversicherung standen beide Bewerber noch auf den Beinen. «Sie kämpften sich zu einem Unentschieden», sagte der Politologe Dennis Goldford von der Drake University in Iowa. «Angesichts der Tatsache, dass die Umfragen sie Kopf an Kopf sehen, kamen sie aus der Debatte heraus, wie sie hineingegangen sind.»



Wenn einer der beiden Kandidaten überraschte, dann war es Bush. Er zeigte sich dem Vizepräsidenten gewachsen, obwohl dieser als weitaus erfahrenerer Debattierer gilt. Der Republikaner habe keinen ernsthaften Fehler begangen, urteilte der Politikwissenschaftler Mike Traugott von der Universität von Michigan. Gore spielte vor allem auf außenpolitischem Gebiet seine größere Erfahrung aus und rechnete Bush die Kosten seiner Regierungsprogramme vor. Dabei wirkte er nach Ansicht der Kommunikationswissenschaftlerin Diana Carlin häufig wie ein Prediger.



Angesichts des Jonglierens der Kandidaten mit Daten und Fakten haben viele US-Zeitungen und TV-Sender mittlerweile so genannte «Wahrheitsteams» eingerichtet. Demnach stimmen die Zahlen des Vizepräsidenten zur Steuer- und Rentenpolitik annähernd, wenn er auch bei ihrer Interpretation gerne übertreibt. Bush weigerte sich am Dienstagabend, Gores Angaben im Einzelnen zu widerlegen. Er bezichtigte seinen Gegner lediglich der «schwammigen Mathematik» und der Erbsenzählerei.



Weil in den USA der Wohlstand herrscht, ist der Republikaner in der Bringschuld, die Wähler zum Wechsel zu motivieren. Bei jedem von Gores Vorhaben fragte er deshalb, warum der Vizepräsident seine Pläne nicht schon in den acht Jahren seiner Amtszeit verwirklicht habe. Persönliche Angriffe blieben weitgehend außen vor, von einer Schlussepisode abgesehen, in der Bush an Gores fragwürdige Spendenwerbepraktiken im Wahlkampf 1996 erinnerte. Politologe Goldford befürchtet, dass die Debatte nicht dazu beigetragen hat, noch unentschlossenen Wählern ihre Entscheidung zu erleichtern. Die Kandidaten seien ihren Drehbüchern eng gefolgt und hätten kaum substanziell Neues geboten. «Es war ziemlich zum Einschlafen», sagte der Wissenschaftler aus Iowa. «Nach zwanzig Minuten wanderten meine Gedanken schon zum Baseball - und dabei sollte ich mich für das Zeugs doch eigentlich interessieren.»

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%