US-Wahlkampf
Obamas Universum

Wer Barack Obama verstehen will, muss Chicagos Stadtteil Hyde Park besuchen: Hier lebt er, hier leben seine Lehrmeister, hier wurde der Juradozent zum Politiker. Bunt, friedlich, progressiv: In Hyde Park ist Amerika so, wie Obama es sich wünscht.

CHICAGO. Vor ein paar Monaten verriet nur ein einzelner Geländewagen mit getönten Scheiben, wo Barack Obama und seine Familie leben. Seine Bewacher saßen im Auto vor der Backsteinvilla mit den weißen Säulen im "Vom-Winde-verweht"-Stil, sie steht direkt gegenüber einer Synagoge. Das Haus strahlt Wohlstand aus, aber keinen Protz. Immerhin 1,6 Millionen Dollar legte Barack Obama dafür hin. Er bekam eine jener Villen in der Greenwood Avenue in Hyde Park, deren Bewohnern es gutgeht, die die Annehmlichkeiten des Lebens in der oberen Mittelschicht aber nicht zum Fenster raushängen.

Heute haben es Touristen leichter, den Höhepunkt ihrer Obama-Tour zu finden - nur können sie den Basketball-Korb hinter den jungen Fichten nicht mehr so einfach ausspähen wie zuvor. Betonbarrieren versperren die Einfahrt in die Straße, Secret-Service-Agenten lehnen lässig an ihren Wagen, Polizisten mit Splitterschutzwesten patrouillieren die Greenwood Avenue auf und ab. Seit Barack Obama kurz davor steht, der erste schwarze Präsident Amerikas zu werden, sind die Sicherheitsvorkehrungen für ihn, seine Frau Michelle und die zwei Töchter Malia und Sasha erhöht worden.

"Wenn ich in die Synagoge will, habe ich echte Schwierigkeiten hinzukommen", sagt Abner Mikva. Der Ex-Kongressabgeordnete lebt nur ein paar Blocks entfernt von den Obamas. Doch nichts läge dem 82-Jährigen ferner, als sich zu beschweren, gehört er doch zu Obamas frühesten Unterstützern - und zu seinen politischen Lehrmeistern.

Für Mikva ist Hyde Park im Süden Chicagos eine Blaupause für das Amerika, das Barack Obama schaffen will. "Hyde Park", sagt Mikva, "ist ein Beispiel dafür, wie Barack sich wünscht, dass das ganze Land mit dem Thema Rasse umgeht." In den 70er-Jahren vertrat Mikva das Viertel acht Jahre lang im Kongress zu Washington. "Hier herrscht ein Klima, in dem Rasse keine so große Rolle mehr spielt. Es gibt Weiße, Schwarze, Asiaten. Es gibt Intellektuelle und Arbeiter, die zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen. Es gibt hier Leute, die lesen die ,New York Times', und solche, die ,Sports Illustrated' bevorzugen."

Hyde Park ist eine Insel bürgerlicher Anständigkeit inmitten von Chicagos berüchtigter South Side. Hier ist verwirklicht, was Obama ganz Amerika verspricht: das friedliche Zusammenleben von Schwarzen und Weißen. Wer das Denken des Mannes verstehen möchte, der heute wohl zum neuen US-Präsidenten gewählt wird, sollte mit seinen Nachbarn in Hyde Park sprechen. Hier leben seine wichtigsten Lehrmeister, seine größten Fans - und auch einige, die er einst enttäuscht hat. Ein Stadtrundgang auf Barack Obamas Spuren.

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