US-Wahlkampf
Wie die Waffenlobby gegen Obama mobilisiert

Illegal? "Ich komme viel auf Shows rum. Ich habe nie illegale Sachen erlebt." Gary trägt eine kurze Hose zum matschgrünen T-Shirt. Mit seinen freundlichen blauen Augen sieht er nicht aus wie jener Cowboy am Nebenstand, der mit schwarzem Piratentuch, martialischen Tattoos und viel Leder herumhängt. Gary hält Wache am Stand von "Load-x", einer Munitionsfirma aus Santa Rosa in Kalifornien. Vor ihm liegen, niedlich aneinandergereiht, Tausende Patronen: 9mm, 34mm, 45mm, 50mm. Fabrikneu funkeln sie wie Kerzen am Weihnachtsbaum. Auch "Blitzkrieg Toys" und "auffaltende Hochgeschwindigkeits-Katapult-Kugeln" hat er mitgebracht.

Natürlich ist Gary NRA-Mitglied. Obwohl seine Firma, wie er verschmitzt anmerkt, "eigentlich für die Strafverfolgungsbehörden" Patronen dreht. Doch in der Kirche NRA ist für viele Platz. Vier Millionen Amerikaner gehen darin regelmäßig zur Messe; allein im Wahljahr 2008 sind 100000 beigetreten. Ihr Grund: Barack Obama. Der ist Demokrat und also verdächtig, das Recht auf Waffenbesitz einschränken zu wollen. Obwohl er das gar nicht sagt.

Ein Blick in den Papierkorb neben dem Essensstand im "Cow Palace" verrät Hass. Ein Wirrkopf hat einen der vielen falschen Fünf-Dollar-Scheine mit Obamas Konterfei genau zwischen den Kandidatenaugen angekokelt. Das Loch ähnelt einem Durchschuss, so wie einst auf der Landkarte bei "Bonanza". - "Ein schlechter Scherz", sagt ein Besucher. Mehr nicht. Mehr nicht?

"Obama behauptet, er will das Recht auf privaten Waffenbesitz nicht antasten. Doch sein ganzes Abstimmungsverhalten spricht dagegen: Er will es schleifen!" sagt Gary und betet die NRA-Web-Site voller böser Vorwürfe runter. Es gibt kein Vertun: Obama muss weg. Deshalb will die NRA ihre Vier-Millionen-Armee am Wahltag in die Waagschale werfen. Und die Alternative ist ja so viel besser, ist doch Sarah Palin, McCains Vizekandidatin, stolze NRA-Kampfgefährtin.

Seit jeher versteht sich die NRA als politischer Begleitschutz der Republikaner. Deshalb ähnelt der Demokrat Obama, der gar öffentlich beichtete, noch niemals mit einem Schießprügel zur Jagd gegangen zu sein - Hillary Clinton hatte sich gebrüstet, wenigstens schon mal eine Ente abgeknallt zu haben -, in den Augen der Waffennarren dem Antichrist. Und deshalb hat die NRA das Feuer eröffnet. 40 Millionen Dollar steckt sie in eine Anzeigenkampagne, die Obama als Gegner der Freiheit schmäht.

"Obama hat mit seinem bisherigen Abstimmungsverhalten gezeigt, dass er eine Bedrohung der Freiheiten ist. Glaubt nicht seiner Rhetorik, hört, was er während seiner Karriere schon gesagt hat." So tönt es in automatisierten Telefonanrufen, Postwurfsendungen, auf Webseiten und in NRA-Magazinen. Über Werbung im Fernsehen, Radio und in Zeitungen hämmert die NRA den Wählern ein, bei Barack Obama handele es sich beinahe um Osama bin Laden.

Aber kräftig dagegenzuhalten, das traut sich nicht einmal ein Barack Obama. Auf nicht eben tapfere Art hatte er in Interviews - wie mit dem eher obskuren Outdoor-Magazin "Field & Stream" - klargestellt, dass er zwar für mehr "Kontrolle und Beschränkung" sei, das verbriefte Recht auf privaten Waffenbesitz aber respektiere. Für die Waffengegner bei den Demokraten ist das nur ein ängstlicher Eiertanz. Für Republikaner und NRA-Fans reicht das wachsweiche Plädoyer für Kontrollen zur Kriegserklärung.

"Waffenkontrolle ist ein Nicht-Thema für uns Demokraten", sagt Tim Ryan, demokratischer Kongressabgeordneter aus Ohio. Tatsächlich haben die Demokraten ihre Waffen gegenüber der Waffenlobby gestreckt, nachdem Obama in einem Anfall von Aufrichtigkeit vor Monaten erklärte, die "verbitterten" Kleinstädter auf dem flachen Land klammerten sich doch oft nur noch "an Religion und Waffen".

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