US-Wahlkampf
Wie die Waffenlobby gegen Obama mobilisiert

Das Einknicken der Demokraten kommt nicht von ungefähr. Die NRA hat immer wieder geschafft, Kandidaten zu überzeugen, dass sie stärker ist. Ihr letztes Opfer hieß Al Gore. Der Vizepräsident hatte vor acht Jahren für mehr Waffenkontrolle plädiert und wurde von der NRA lustvoll versenkt. Da fährt selbst ein Obama lieber Slalom zwischen Vernunft und Opportunismus.

Zu gewinnen ist damit wenig. Die Loyalität der Bewaffneten ist festgezurrt. Nur Republikaner genießen das Vertrauen der NRA. Wie einst Ronald Reagan ist Vizepräsident Dick Cheney Verbandsmitglied. Und es war Cheney, der im vergangenen Jahr zusammen mit 55 Senatoren, 250 Kongressabgeordneten und den Regierungen von 31 Bundesstaaten eine Klage gegen den District of Columbia unterstützt hatte. Der hatte 1976, vor über drei Jahrzehnten, den Privatbesitz von Waffen untersagt. Zum Entsetzen vieler Demokraten gab der Supreme Court den Klägern im Frühjahr recht: Das Verbot schränke die individuelle Freiheit der Bürger ein, und die sei von der Verfassung garantiert (siehe: "Allzeit bereit").

Wenn es um die Verfassung geht, müssen in einer Art rigorosem Historizismus alle intelligenten Argumente, schlagkräftigen Fakten und relativierenden Realitäten zurück ins Glied. Dann gilt in biblischer Unverrückbarkeit noch immer das Wort der Gründerväter der Republik, als sei es für alle Ewigkeiten unveränderbar in Stein gehauen.

Selbst die erfahrungsgesättigten Argumente von Polizisten und (auch konservativen) Politikern, die sich für stärkere Feuerwaffenkontrolle einsetzen, zerschellen regelmäßig vor Gericht. Dass die Hauptstadt Washington vor dem Waffenverbot 1976 die Stadt Amerikas mit den meisten Morden pro 10000 Einwohner war, nach dem Verbot die Mordrate jedoch radikal zurückging, beeindruckte die Verfassungsrichter wenig.

Auch andere triftige Gründe, die gegen die Aufrüstung der Bürger sprechen, hat die NRA abgekocht. Jährlich sterben mehr als 30000 Menschen durch Revolver und Pistolen im Privatbesitz. Kriminologen machen den schnellen Zugang zu Feuerwaffen für die Eskalation privater Fehden verantwortlich; Tod durch Waffengebrauch gilt als die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen. Seit der Ermordung von John. F. Kennedy im Jahre 1963 sind in den USA mehr Menschen durch Schusswaffen gestorben als amerikanische Soldaten auf fremden Schlachtfeldern während des gesamten 20. Jahrhunderts.

Doch rund 70 von 300 Millionen US-Bürgern interpretieren den Verfassungszusatz ebenfalls orthodox, als festen Bestandteil ihrer Individualrechte und Kernbereich ihrer Tradition und Kultur. Tatsächlich ist das nicht abwegig, führt doch eine Schmauchspur von den Anfängen des Landes bis in die Gegenwart: von den Musketen im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer im 18. Jahrhundert, den Smith&Wesson-Revolvern im amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert über die Winchesters, mit denen der "Wilde Westen" erobert wurde, bis hin zu den Schnellfeuerwaffen im Irak und in Afghanistan im 21. Jahrhundert.

Amerikas Gesellschaft ist eine waffenstarrende: Rund 270 Millionen Feuerwaffen haben sie zu einer beeindruckenden Miliz hochgerüstet. "Greift euch ein Gewehr, und ihr verwandelt euch vom Untertan zum Bürger", lautet einer der kernigen NRA-Sprüche. Und auch die Waffen der Politik hat die NRA geladen: Mit dem "Institute for Legislative Action" leistet sie sich einen eigenen Think-Tank. Denn der böse Feind kommt nicht aus der Kälte, er ist der Leviathan in Washington, DC.

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