US-Wahltagebuch
Es lebe die Übertreibung

Die Wahlkämpfer in den USA bewegen sich auf einem sprachlich schmalen Grat – vor allem wenn die Gangart der Kandidaten untereinander härter wird. Dabei muss es nicht immer gleich so deftig zugehen wie bei der Obama-Beraterin Samantha Power, die Hillary Clinton als „Monster“ bezeichnete.

WASHINGTON. Dass sie dieser Ausrutscher innerhalb von Stunden den Job kosten würde war abzusehen. Nicht abzusehen war, dass dieser Kommentar, der im Interview mit der Zeitung „Scotsman“ off the record gefallen war, an die Öffentlichkeit drang. Also fragen sich Beobachter: Was hat Power falsch gemacht, dass die Scotsman-Redakteure das Zitat druckten – noch dazu in der Überschrift. Allerdings hätte die erfahrene Beraterin wissen müssen: Im Wahlkampf bleibt nichts in den vier Wänden, in denen es gesagt wird.

Dabei hatte es Barack Obama richtig vorgemacht. Nachdem Hillary eine Serie von Attacken auf ihn abgefeuert hatte, griff er zum Mittel der Übertreibung um die gleiche Botschaft wie Samantha Power zu transportieren. „Wenn Du mitten in einer Kampagne mit der Küchenspüle nach Deinem Gegner wirfst, dann ist das kein Zeichen für Wandel“, sagte Obama an die Adresse von Hillary. „Throwing the kitchen sink“ klingt lustig und entschlossen zugleich: Mit allem was man gerade zur Verfügung hat nach dem Gegner werfen. Hätte Samantha Power eine ähnliche Metapher gewählt, wäre sie wohl davon gekommen. Doch die Bezeichnung „Monster“ ist herabwürdigend – und entspricht damit so gar nicht Obamas Wahlkampfstil.

Sehr viel besser geht es den Republikanern aber auch nicht. Praktisch zeitgleich mit Samantha Power hatte sich der konservative Abgeordnete Steve King tief aus der untersten sprachlichen Schublade bedient. „Wenn Barack Obama zum Präsidenten gewählt wird, werden mehr Islamisten in den Straßen tanzen als am 11. September“, sagte er in einem Live-Interview mit einem Radiosender. King bezog sich dabei auf Obamas Aussehen und dessen zweiten Vornamen Hussein. Eine Sprecherin von John McCain rügte den forschen Republikaner: „Der Senator lehnt diese Art des Politisierens ab.“

Doch am Ende bleibt: Die inkriminierten Sätze sind in der Welt. Und in den Leserbriefspalten und den Webblogs wird heftig über sie diskutiert. Bei aller zur Schau gestellten Empörung wird mancher der Wahlkämpfer darüber vielleicht gar nicht so unzufrieden sein – sagen die Gescholtenen doch manchmal auch das, was die Kandidaten schon lange denken.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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