US-Wahltagebuch
Wie ein Spielverderber den Demokraten Alpträume beschert

Für die Demokraten ist Ralph Nader der „Spoiler“, ein Spielverderber. Der 73-jährige Rechtsanwalt und Verbraucherschützer gilt bis heute als Wahlhelfer von Georg W. Bush; er zog die Stimmen auf sich, die dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore fehlten. Auch in diesem Jahr erwägt Nader eine Kandidatur – sehr zum Unmut der Demokraten.

WASHINGTON. Wer eine Diskussion mit einem Mitglied der Demokratischen Partei kräftig beleben will, muss nur einen Namen nennen: den von Ralph Nader. Der inzwischen 73-jährige Rechtsanwalt und Verbraucherschützer gilt bis heute als Wahlhelfer von George W. Bush. Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 hatte Nader 2,74 Prozent der Stimmen erhalten. Landesweit stimmten 2,8 Millionen Amerikaner für ihn, davon 97 000 in Florida. Al Gore, Demokrat und Gegenspieler von Bush, fehlten am Ende ausgerechnet in Florida 543 Stimmen, um dort zu siegen und damit die Präsidentschaft zu holen. Seither ist Nader der „Spoiler“, der Spielverderber.

Acht Jahre später müssten die Demokraten eigentlich mit dieser Vergangenheit ihren Frieden geschlossen haben – sollte man glauben. Doch als jüngst bekannt wurde, dass Ralph Nader auch in diesem Jahr erwägt, seinen Hut in den Ring zu werfen, stießen die Partei-Granden einen weiteren verzweifelten Seufzer aus. Denn auch wenn Nader bei seiner Kandidatur vor vier Jahren nur noch knapp 500 000 Stimmen auf sich vereinigen konnte – bei einem knappen Rennen könnten auch diese schmerzlich fehlen. Zwar ist noch nicht endgültig ausgemacht, dass der Umweltschützer auch tatsächlich antritt. Bisher hat er nur ein Explorationskomitee ins Leben gerufen. Da er jedoch schon vier Mal das Weiße Haus ins Visier genommen hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er es noch ein fünftes Mal probiert.

„Sie suchen in mir einen Sündenbock“, erwiderte Nader erregt an die Adresse der Demokraten, als er letzte Woche erneut mit der bekannten Kritik konfrontiert wurde. „Dabei sollten sie einmal in den Spiegel schauen und sich fragen, warum sie verlieren“, sagte er in einem Interview. Der Auslöser für einen möglichen neuen Anlauf Naders, der sich als eine Art Robin Hood der Verbraucher empfindet, war das Ende von John Edwards. Als der liberal-populistische demokratische Präsidentschaftsanwärter hinschmiss, war Nader nur Stunden später mit seiner Botschaft in den Nachrichten.

Edwards hatte in seiner Kampagne stets gegen den Einfluss der großen Lobbys in Washington gewettert und damit geworben, dass er die Interessen des „kleinen Mannes“ vertrete. Doch gegen Barack Obama und Hillary Clinton war Edwards chancenlos. Nach einem enttäuschenden Abschneiden in South Carolina gab er auf – allerdings ohne sich für einen seiner Rivalen auszusprechen. Nader sprang schnell in die Lücke, die Edwards hinterließ. Und diese wird nach Ansicht des sturen Rechtsanwalts noch größer, sollte Hillary Clinton die demokratische Spitzenkandidatur gewinnen. Für diesen Fall ist wohl ganz sicher mit einer erneuten Bewerbung Naders zu rechnen.

Für die Demokraten ist die Sache mit Nader aber auch ein wenig pikant. Denn 1992 und 1996 hatte ebenfalls ein unabhängiger dritter Kandidat das Bewerberfeld durchgeschüttelt: Ross Perot. Der Geschäftsmann aus Texas holte beim ersten Versuch fast 19 Prozent und beim zweiten Anlauf immerhin noch acht Prozent der Stimmen. Profiteur der Perot-Kandidatur war beide Male Bill Clinton. Dem reichten dadurch 1992 gegen George H. W. Bush 43 Prozent, um zum Präsidenten gewählt zu werden. Und auch 1996 gegen Bob Dole schaffte Clinton die Wiederwahl mit weniger als 50 Prozent – dank des unabhängigen dritten Kandidaten Ross Perot.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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