"US-Wirtschaft befindet sich bereits in einer Rezession"
Interview: "Gute Einstiegschancen für Anleger mit Geduld"

Mit einem Volumen von rund zwölf Milliarden US-Dollar zählt der Templeton Growth Fund zu den größten internationalen Aktienfonds. Gleichzeitig gehört er zu den Besten: Seit seiner Auflage im Jahr 1954 erzielte der Klassiker auf Dollar-Basis im Schnitt einen Wertzuwachs von 14 Prozent pro Jahr. Der 36-jährige Fondsmanager Murdo Murchison setzt bei der Auswahl der Aktien konsequent auf unterbewertete Substanztitel und knüpft damit an die Strategie seiner Vorgänger an.

Viele Ökonomen erwarten, dass nach den Terroranschlägen in den USA eine weltweite Rezession droht. Was glauben Sie?

Die US-Wirtschaft befindet sich bereits in einer Rezession. Hinzu kommt, dass sich auch die japanische Wirtschaft in einer Rezession befindet und dass die europäische Konjunktur abflaut. Die kurzfristigen Aussichten für das Wirtschaftswachstum sind schlecht - trotz niedriger Zinsen.

Wie werden die Finanzmärkte jetzt reagieren?

Wir geben keine kurzfristigen Kursprognosen ab, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Wir sehen allerdings der mittelfristigen Entwicklung der Aktienmärkte mit wachsendem Optimismus entgegen. Im Augenblick ist die Zahl der pessimistischen Investoren viel höher und die Kurse sind viel niedriger als noch vor einem Monat oder gar vor einem Jahr. Es gibt zurzeit viele Möglichkeiten, in renommierte Unternehmen zu investieren, die mit niedrigen Bewertungen gehandelt werden. Jetzt ist jedenfalls nicht der geeignete Zeitpunkt, um sich aus dem Markt zurückzuziehen oder auf reine Geldmarktpapiere auszuweichen.

Die Aktien von Fluggesellschaften und Versicherern sind stark gefallen. Wie gehen Sie bei diesen Titeln vor?

Manche Unternehmen hat es in der Tat böse erwischt. Soweit wir sie im Fonds haben und die langfristigen Aussichten zuversichtlich beurteilen, haben wir die Positionen aufgestockt. Darüber hinaus haben wir unsere hohen Barreserven reduziert, indem wir eine Reihe von neuen Positionen aufgebaut haben, die jetzt billig genug sind, um sie zu kaufen. Dabei agieren wir mit Disziplin und Besonnenheit. Gerade weil derzeit an den Märkten viel Unsicherheit herrscht, können Investoren, die langfristig investieren wollen, von den Marktbedingungen profitieren.

Haben Sie auf Grund der Ereignisse am 11. September das Portfolio des Templeton Growth Fund umgeschichtet?

Wir gehören nicht zu denjenigen, die wegen der aktuellen Ereignisse Aktien verkauft haben. Eine solche Strategie ist nicht Erfolg versprechend. Im Gegenteil, wir suchen gerade jetzt aktiv nach Investitionsmöglichkeiten. Anleger sollten sich auf Aktien konzentrieren, die Substanz versprechen und unterbewertet sind. Die gibt es in Hülle und Fülle. Obgleich es auch immer noch eine Reihe von Titeln gibt, die zu hoch bewertet sind.

Bevorzugen Sie bestimmte Branchen?

In der Regel konzentrieren wir uns nicht auf Branchen. Die Branchengewichtungen unserer Fonds ergeben sich aus der Aktienauswahl. Nahrungsmittelhersteller, Versorger und andere defensive Unternehmen mögen gegenwärtig auf der Gewinnerseite stehen. In einer Abschwungphase ist es allerdings ratsamer, sich auf Unternehmen in solchen Branchen zu konzentrieren, die unter Wert gehandelt werden.

Was halten Sie im Rahmen der Anlagestrategie für besonders wichtig?

Eine der großen Stärken der Investmentphilosophie von Templeton ist die Tatsache, dass wir der Versuchung widerstehen, mit dem Vermögen unserer Kunden kurzfristige Tendenzen an der Börse auszunutzen. Es ist schlicht nicht möglich, Marktbewegungen oder die Stimmungsschwankungen der Anleger von Woche zu Woche genau vorherzusagen.

Wie gehen Sie bei der Auswahl der Aktientitel vor?

Wir investieren ausschließlich in Aktien, die im Verhältnis zu ihrem langfristigen Ertragspotenzial günstig bewertet sind oder die mit einem hohen Abschlag auf ihren Buchwert gehandelt werden. Dabei ist nicht nur das Kurs-Gewinn-Verhältnis ausschlaggebend. Bei der Investmentstrategie ist eine gewisse Flexibilität notwendig. Sonst entsteht leicht die Gefahr, sich zu sehr einschränken zu müssen. Für jedes Unternehmen, das wir im Depot haben, erstellen wir bestimmte Prognosen. Die Fünf-Jahres-Prognose ist dabei die wichtigste. Sie untersucht, ob das Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit behält oder einbüßen wird. Anhand der aktuellen Bilanz und Kostenstruktur versuchen wir zu ermitteln, welche Rendite das Unternehmen erzielen kann. Oder wir gehen der Frage nach, wie sich die Branche, der dieses Unternehmen zugeordnet ist, entwickeln wird.

Welche Aktie zählt zu Ihren Favoriten?

Wir mögen zum Beispiel die Gesellschaft Korea Telecom, deren Aktie sehr günstig bewertet ist. Das Unternehmen gehört zu den führenden Ausrüstern in einem der am schnellsten wachsenden Breitbandmärkte der Welt.

Wann sollte man wieder investieren?

Für Anleger, die langfristig planen und Geduld mitbringen, bieten sich zurzeit sehr gute Einstiegschancen. Denn gerade, wenn die Märkte mit zu großem Pessimismus in die nahe Zukunft blicken, gibt es hervorragende Gelegenheiten, günstig bewertete Substanzwerte zu kaufen.

Die Fragen stellte Sandra Schuffelen

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