US-Wirtschaft: Home, sweet home
Kolumne: Katastrophenbarometer Immobilie?

Dieser Tage beherrscht nur ein Themenkomplex die Business-Gespräche in den USA: Wie tief kann die Wirtschaft fallen, wann wird sie sich erholen, was könnten die Auslöser eines Aufschwungs sein? Leider sind fast alle diese Gespräche ohne Substanz, da es nur spärliche Fakten jenseits der Tagesnachrichten gibt.

Hier an der Westküste fängt man allmählich an, ein anderes Thema diskutieren. Sollte die US-Wirtschaft in eine wirklich tiefe Rezession stürzen - wie würde so etwas ablaufen?Parallelen zu anderen Wirtschaftskrisen sind lehrreich, aber nicht direkt übertragbar. Im High-Tech Valley wird ausgerechnet der Low-Tech Immobilienmarkt wird als zentrales Barometer angesehen.

Versuche nicht, ein fallendes Messer zu fangen

Nun ist es also offiziell: Über 150 US-Unternehmen haben seit dem 11. September Profitwarnungen abgegeben. Täglich regnet es neue enttäuschende Ergebnisse des dritten Quartals 2001. In Bezug auf Technologieaktien wird bereits eine alte Warnung wieder laut: "Versuche nicht, ein fallendes Messer zu fangen". Um das Internet und die Telekommunikation herum haben die Bankrotterklärungen inzwischen auch führende Unternehmen wie Exodus und Excite@Home erreicht.

Nun leidet die Westküste der USA nicht im gleichen Masse wie die Ostküste noch zusätzlich unter dem persönlichen Trauma vieler Menschen in New York und Washington. Vielleicht beginnt man sich auch deshalb hier nüchtern zu fragen: Nun, wenn es denn krachen sollte, wie liefe so etwas denn ab. Daraus kann dann jeder für sich schliessen, wie er persönlich reagieren sollte.

Wer in solchen Situationen nach Orientierung sucht, bemüht oft die Geschichte:

Parallele Nr. 1: USA in den 30er Jahren

Schon der Einbruch der Technologiewerte und damit des Nasdaq im letzten Jahr erzwingt geradezu den Vergleich zu 1929. Der Dow Industrials-Index fiel damals von 386 Punkten im September 1929 bis auf 40 Punkte im Juli 1932, ein Verlust von 89 %. Was oft weniger bekannt ist: Erst 1954 erreichte er wieder das Niveau von 1929. Wenn Finanzberater behaupten, Investitionen in Aktien lohnen sich auf lange Sicht, so haben sie statistisch gesehen recht. Man muss nur gelegentlich 20 magere Jahre und einen Weltkrieg ohne Bargeld überstehen können. Doch so schmerzhaft der Aktieneinbruch für viele kam, wichtiger war damals der "Run" auf die Banken, welcher ein wesentlicher Verstärker der langen Wirtschaftskrise der 30er Jahre war.

Nun, in den letzten 18 Monaten fiel der Nasdaq "nur" um 70 % und der Dow Jones Industrials ist bisher "nur" etwa 30 % unter seinem Allzeithoch. Aber wir haben die Talsohle auch noch nicht erreicht. Insbesondere gibt es bisher keine Anzeichen einer Finanzpanik und auch andere Pfeiler der US-Wirtschaft noch sehr solide dastehen. Dazu mehr im nächsten Beispiel.

Parallele Nr. 2: Japan in den 90er Jahren

Schon vor dem 11. September war die Parallele mit Japan beunruhigend. Sie ist hier an der technologieorientierten Westküste besonders präsent. Immerhin war der "Nachbar"" Japan und seine Chips ja der Auslöser der Krise in den 80er Jahren und die japanische Krise wird daher besonders aufmerksam verfolgt. Japan stagniert bzw kontrahiert seit etwa einer Dekade und es ist kein Ende in Sicht. Dort begann es mit der Immobilienblase, welche ganz Asien durchzog, und wirkte sich erst über die Krise der Finanzinstitute auf den Aktienmarkt aus. Der Aktienindex Nikkei ist jedoch so wunderbar leicht messbar und sein Fall um 75 % von fast 40 000 auf unter 10 000 Punkte ist eine eine starke Demonstration des allmaehlichen Verfalls der Wirtschaftskraft Nippons.

Diese Krise verlief jedoch ganz anders als die im Jahr 1929. Fast eine Dekade lang gab es keinen wesentlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit und erst in diesem Jahr wurde von einigen japanischen Firmen ein massiver Stellenabbau - immer noch mit sehr wenigen direkten Entlassungen - angekündigt. Auch war die Inflation stets sehr niedrig bis hin zur Deflation. Den meisten Menschen erscheinen diese Attribute beruhigend, aber viele Volkswirte argumentieren, dass niedrige Inflation und langsame Reaktion auf dem Arbeitsmarkt die Krise immer tiefer werden lassen.

Die USA vor dem 11. September ...

Nun sind Parellelen zwar stets hilfreich, aber schon vor dem 11. September war es klar, dass sie nur begrenzt weit tragen. Es gibt inzwischen eine staatliche Versicherung der kleinen Bankkonten und eine Bankenzusammenbruch a la 1929 ist weitgehend ausgeschlossen. Und obgleich Immobilienwerte in den USA in den letzten Jahren überall sehr stark gestiegen sind, gab es doch bisher nur in begrenzten Gebieten - zu denen allerdings das Silicon Valley gehört - Anzeichen einer Immobilienblase wie in Japan. Die US-Wirtschaft reagiert auf Krisen auch schon fast beängstigend schnell mit Entlassungen und Schliessungen unprofitabler Bereiche - ebenfalls im Gegensatz zu Japan. Dies wird sie wahrscheinlich retten. Aber unsere Frage lautete ja: Angenommen die US-Wirtschaft bräche zusammen, wie würde das ablaufen?

Volkswirte antworten auf fast alle klaren Fragen in der Regel mit einem "einerseits - andererseits". Wenn man sie aber gegen ihren Willen zu einer klaren Antwort zwingt, so lautet sie in diesem Fall: Eine Wirtschaft wie die USA kann nur zusammenbrechen, wenn das Bankenwesen zusammenbricht. Und der einzige Faktor, welcher das Bankenwesen letztlich zusammenbrechen lassen kann ist der Immobilienmarkt. Keinem Bereich der Wirtschaft ist das Finanzwesen letztlich so ausgesetzt wie dem Immobilienmarkt. Und das gleiche gilt auch für den Konsumenten: Für nichts hat sich der amerikanische Durchschnittsbürger so verschuldet, wie für sein Haus.

High-Tech mag einbrechen, die Welt mag Trillionen Dollar an Telekommunikations-Investitionenen abschreiben - am Ende zühlt die gute alte Immobilie. Und die hatte sich vor dem 11. September sehr gut gehalten.

... und danach?

Wie gesagt, keiner weiss seit dem 11. September 2001 was nun geschehen wird. Aber hier an der Westküste der USA setzt sich die Überzeugung durch: Wenn man jenseits der Tagesgeschehen, jenseits der Technologiewerte und auch jenseits der Fluggesellschaften und des Tourismaus die fundamentale Widerstandskraft der US-Wirtschaft beurteilen will, dann verfolge man aufmerksam die Entwicklung des Immobilienmarkts.

Home, sweet home.

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