US-Zinssenkung
Kommentar: Riskante Fed-Strategie

Die eigentliche Botschaft der US-Notenbank ist die Ankündigung, in absehbarer Zeit die Leitzinsen nicht zu erhöhen.

Worte zählen in der amerikanischen Geldpolitik derzeit mehr als Taten. Nicht die gestrige Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt ist die eigentliche Botschaft der US-Notenbank Federal Reserve. Es ist vielmehr ihre Ankündigung, dass die Leitzinsen in den Vereinigten Staaten auf absehbare Zeit im Keller bleiben werden.

Fed-Chairman Alan Greenspan setzt weiterhin auf ein geschicktes, wenn auch riskantes Management der Erwartungen in der Wirtschaft. Seine Strategie ist keineswegs ein Zeichen der Stärke, sondern der eigenen Machtlosigkeit, den Kurs der vor sich hindümpelnden US-Wirtschaft wirksam zu beeinflussen.

Bereits vor der gestrigen Zinssenkung war klar, dass die realwirtschaftlichen Wirkungen einer erneuten Liquiditätsspritze äußerst gering ausfallen werden. Bei einem Leitzins von jetzt einem Prozent und einer darüber liegenden Inflationsrate sind die realen Finanzierungskosten für Unternehmen und Verbraucher bereits derart niedrig, dass von dem neuen Zinsschritt kaum mehr Investitionen und Konsumausgaben zu erwarten sind. Der amerikanischen Wirtschaft mangelt es nicht an Liquidität, sondern an Vertrauen. Und das lässt sich mit Zinssenkungen kaum wecken.

Alan Greenspan ist sich der schwindenden Wirkung seines wichtigsten Hebels wohl bewusst. Die Federal Reserve versucht deshalb seit Mai, die Wirtschaftsakteure mit beruhigenden Worten bei Laune zu halten: Die Wirtschaft ist gesund, der Aufschwung kommt, aber die Notenbank wird wegen der Deflationsgefahr die Zinsen auf absehbare Zeit nicht erhöhen.

Mit diesem Geniestreich ist den Notenbankern bislang die Quadratur des Kreises gelungen. Die Hoffnungen auf den nahenden Aufschwung treiben die Aktienmärkte an. Die Aussicht auf weiterhin niedrige Leitzinsen drücken die langfristigen Finanzierungskosten auf historische Tiefstände.

Die Federal Reserve wird versuchen, dieses Spiel auf Zeit so lange fortzuführen, bis der Aufschwung tatsächlich kommt. Die Risiken dieser Strategie sind jedoch beträchtlich. Lässt eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in den Vereinigten Staaten weiterhin auf sich warten, verlieren Alan Greenspan und seine Kollegen ihr wichtigstes Gut: ihre Glaubwürdigkeit.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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