USA
Hauptstadt der Angst

Neun Opfer in zwei Wochen: Ein Serienkiller hat Washington in Panik versetzt. Die Fehlalarme häufen sich, Schulen und Universitäten gleichen Hochsicherheitstrakten.

Margaret Barton, 31, sitzt mit eingezogenem Kopf in ihrem blauen Toyota Camry. Den Einfüllstutzen hat sie in die Tanköffnung gehängt. Das Benzin läuft. "Ich habe eine Heidenangst", sagt die Industriedesignerin. Die Exxon-Tankstelle mitten in Washington ist zu einem Ort der Angst geworden. Viele Kunden ducken sich in ihren Fahrzeugen. Wer fertig ist, spurtet zum Kassenhäuschen, zahlt und rast davon.

Die US-Hauptstadt steht unter Schock. Seit der unbekannte Heckenschütze am vergangenen Montag sein neuntes Opfer erschoss, hat die Angst eine neue Dimension erreicht - vor allem an den Zapfsäulen. Viermal hat der Mörder, der in einem weißen Lieferwagen mit kaputtem Rücklicht unterwegs sein soll, an Tankstellen in Vororten der Metropole zugeschlagen. Die ersten Kunden kommen ausgerüstet wie Polizisten vor einer gefährlichen Festnahme. Ed Anderson, Pächter einer Amoco-Tankstelle in Arlington, erzählt von der Frau eines Vietnamveteranen, die in der kugelsicheren Weste ihres Mannes an der Zapfsäule stand: "Sie war kreidebleich und schaute sich pausenlos um."

Es herrscht eine Art Ausnahmezustand in Washington. Die Armee stellt bereits Aufklärungsflugzeuge mit Nachtsichtgeräten bereit. Die Schulen und Universitäten gleichen Hochsicherheitstrakten. Polizisten patrouillieren innerhalb und außerhalb der Gebäude, Spiel- und Sportplätze sind gesperrt. Eltern, die ihre Kinder abholen wollen, müssen ihren Ausweis vorzeigen.

Bei der Polizei häufen sich die Fehlalarme. David Earhardt, Verkaufschef eines Autohändlers in Silver Spring, wunderte sich dieser Tage, als vier Polizeiautos mit quietschenden Reifen über den Firmenparkplatz rasten. Ein BMW-Fahrer, dessen Scheibe beim Aussteigen zu Bruch gegangen war, hatte per Handy die Notrufnummer 911 gewählt. "Der Mann dachte, jemand habe auf ihn geschossen", erzählt Earhardt. "Er drehte völlig durch."

Dennis Mangan, Kriminalbeamter im benachbarten Bezirk Prince William County, hat eine ähnliche Geschichte parat. "Verschreckte Anwohner riefen vorgestern in meinem Büro an: In einem nahe gelegenen Waldstück habe jemand geschossen." Daraufhin habe er sofort einen Helikopter losgeschickt, berichtet Mangan. Viel Lärm um nichts, wie sich herausstellte - ein Auto hatte eine Fehlzündung.

Auch die Wirtschaft spürt die Angst der Leute, vor allem die großen Einkaufszentren. Nach fünf Morden vor Shopping-Malls haben die Zentren zusätzliche private Sicherheitsdienste angeheuert. Trotzdem: "Das Geschäft ist in den letzten Tagen deutlich zurückgegangen", sagt Les Morris, Sprecher der Simon Property Group, dem größten US-Betreiber von Shopping-Malls.

Inzwischen hat die Angst das ganze Land erfasst. Nach Angaben des Fernsehsenders Fox News haben mittlerweile 47 Prozent der Amerikaner Angst, von einem Heckenschützen erschossen zu werden. Vor einem Terroranschlag fürchten sich nur 43 Prozent. Sämtliche TV-Kanäle geben Tipps, wie man das Risiko minimiert. "Wählen Sie ihre Tankstelle sorgfältig aus", rät etwa der ehemalige Geheimdienstoffizier Chuck Vance auf CNN. "Achten Sie darauf, dass keine Bäume in der Nähe sind, hinter denen sich der Heckenschütze verstecken könnte."

Die Motive des Mörders sind unbekannt. Ist er ein psychopathischer Serienkiller? Steckt eine Gruppe dahinter? Wie bei den Milzbrand-Attacken vor einem Jahr ist unklar, ob der Täter Amerikaner ist oder zu einer ausländischen Terrorgruppe gehört. Anfangs spekulierten die Experten über einen Weißen, der in der Polizei oder in der Armee nicht zum Zuge gekommen sei und nun seinen Zorn an willkürlich gewählten Opfern entlade.

Doch in der Zwischenzeit gibt es auch andere Stimmen. Ein Zeuge will beim letzten Mord am Montag das Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes nahöstlicher oder lateinamerikanischer Herkunft gesehen haben. Die Regierung hält sich derzeit zwar noch bedeckt. Aber auf die Frage, ob nicht doch eine ausländische Terrororganisation oder gar das Netzwerk El Kaida hinter dem Heckenschützen stehen könnte, antwortete der Chef der Abteilung Innere Sicherheit, Tom Ridge: "Wir schließen nichts aus."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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