USA müssen Militäreinsatz intensivieren
Kommentar: Durchhalten

Seit 24 Tagen führen die USA den Krieg gegen die Taliban und Osama bin Laden mit schwersten Waffen, doch die Ergebnisse sind dünn.

Seit 24 Tagen führen die USA den Krieg gegen die Taliban und Osama bin Laden mit schwersten Waffen, doch die Ergebnisse sind dünn. Kein einziger der Spitzenleute des afghanischen Regimes wurde getroffen, die Nordallianz kommt nicht voran, und Washington muss hilflos mit ansehen, wie einer seiner wichtigsten Verbündeten in Afghanistan von den Gotteskriegern gefasst und hingerichtet wird. Gleichzeitig häufen sich ungewollte Treffer der US-Militärs und zivile Opfer.

Kein Wunder, dass die Stimmung im Westen zu kippen droht. Doch es war von vorneherein naiv, rasche Erfolge im Kampf gegen die komplexen und gut getarnten Terrornetze zu erwarten. Gerade die Bush-Administration hatte frühzeitig gewarnt, dass ein langer Feldzug auf politischer, finanzieller und eben auch militärischer Ebene bevorsteht. Jetzt die Bombardierungen in Afghanistan auszusetzen oder gar einzustellen wäre ein fürchterlicher Fehler. Damit fiele den Terroristen nach den Anschlägen in New York und Washington der zweite Erfolg gegen den Erzfeind USA und damit gegen die zivilisierte Welt in den Schoß. Islamistische Extremisten rund um den Globus erhielten gewaltig Auftrieb.

Natürlich führt auch der Krieg zu einer Radikalisierung in Teilen der islamischen Bevölkerung vieler Länder. Doch bleibt es insgesamt in der Region erstaunlich ruhig. Die Mehrheit der Menschen scheint dem Argument zu trauen, dass sich der Krieg nicht gegen den Islam, sondern gegen Extremisten richtet. Dennoch bewegen sich die Regierungen Pakistans, Ägyptens oder Saudi-Arabiens mit ihrer Unterstützung für die Anti-Terror-Allianz auf einem schmalen Grat, das Klima kann schnell kippen.

Gerade um eine Explosion des Fanatismus in der islamischen Welt zu verhindern, ist nicht eine Minderung, sondern die Intensivierung der Angriffe durch Bodentruppen notwendig. Das ist die Lehre aus dem Krieg der Nato gegen Jugoslawien: Auch damals wuchs die Kritik, als die aus sicherer Höhe abgeworfenen Bomben immer mehr zivile Opfer forderten. Seither ist klar, dass "chirurgische Schläge" eine Illusion sind - im unzugänglichen Afghanistan noch viel mehr als in der Innenstadt von Belgrad.

Im Kosovo-Krieg scheuten die USA einen Bodeneinsatz, weil man die unvermeidlichen eigenen Verluste den Amerikanern nicht zumuten wollte, sondern lieber zahlreiche jugoslawische Opfer als "Kollateralschäden" in Kauf nahm. Nach dem Schock von New York ist die Lage völlig anders. Jetzt befürwortet eine Mehrheit der Amerikaner den Militäreinsatz, selbst wenn dabei viele US-Soldaten stürben.

Und nur am Boden, unter dem Schutz der Kampfbomber, könnte der Krieg gegen die Taliban effektiv und gezielt geführt werden. Das wiederum würde die Zahl der zivilen Opfer und damit die Belastung für die islamischen Länder in der Anti-Terror-Allianz verringern.

Aber auch wenn die USA bald stärker am Boden kämpfen werden, wofür es in Washington jetzt deutliche Signale gibt, wird der Krieg noch lange dauern. Die Chancen, dass dabei das Taliban-Regime gestürzt wird, stehen nicht schlecht; ob aber auch der Terror-Drahtzieher bin Laden gefasst wird, ist völlig offen. Klar ist jedoch, dass der Krieg noch viele Opfer fordern wird, auf beiden Seiten.

Doch das müssen die westlichen Gesellschaften aushalten, wenn sie den Kampf gegen den Terror wirklich ernst meinen. Dabei sollten sie im Kopf behalten, dass es sich nicht um einen Rachefeldzug der Amerikaner handelt, sondern um die Verteidigung der eigenen Bevölkerung und der eigenen Werte. Denn die Bedrohung durch die Terroristen bleibt akut.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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