USA
Obama droht Blackberry-Entzug

Das Rauchen hat sich der künftige US-Präsident schon abgewöhnt. Jetzt wird es schwieriger: Obama muss wohl bald seinen geliebten kleinen Tastenfreund abgeben. Harte Zeiten für den Schwerstabhängigen.

NEW YORK. Barack Obama wird bald der mächtigste Mann der Welt sein. Dann kann er Verträge für sein Land aushandeln, Truppen durch die Welt schicken oder Minister entlassen. Nur eines darf der Anführer der freien Welt dann wahrscheinlich nicht mehr: Mit seinem Blackberry herumspielen. Und das trifft den künftigen US-Präsidenten, der während des fast zweijährigen Wahlkampfs selten ohne seinen kleinen Tastenfreund gesehen wurde, offenbar hart. Schließlich sagen ihm Freunde ein schweres Suchtverhalten nach, auch „Crackberry"-Syndrom genannt.

„Andauernd sind E-Mails in seinen Blackberry geprasselt", erzählte Chef-Stratege David Axelrod der „New York Times". Wenn er es nicht in der Hand hatte, habe er versucht darauf zu schielen. Obama blieb stets in Kontakt mit seinen Freunden, heißt es. "Sox!" soll er geschrieben haben, wenn die Chicago White Sox ein Spiel gewannen. Seine Manuskripte habe sich der Kandidat nicht ausgedruckt ins Hotelzimmer liefern lassen, sondern meist per Mail aufs Blackberry. Obamas Nachrichten übrigens seien stets knapp formuliert gewesen, fehlerfrei und gänzlich ohne Smileys oder anderen Firlefanz.

Und ab dem 20. Januar, wenn Obama den Amtseid ablegt, soll das alles vorbei sein? Ein Präsident, der E-Mails schreibt – das ist bisher aus zwei Gründen undenkbar. Da wären zum einen Sicherheitsbedenken. Wenn es Hacker aus dem Kinderzimmer bis hinter die Linien des US-Verteidigungsministeriums geschafft haben, dürfte auch Obamas Blackberry zu knacken sein.

Zum anderen steht dem grenzenlosen Mailen ein Gesetz im Weg, das noch aus Zeiten stammt, in denen Telefone Wählscheiben hatten. Der „Presidential Records Act" von 1978 schreibt vor, dass die Korrespondenz des Präsidenten archiviert und für die Nachwelt aufgehoben wird. Jede E-Mail von Obamas Blackberry müsste also erstmal an einem Archivar vorbei. Und was immer der Chef im Weißen Haus darin geschrieben hat, es könnte eines Tages veröffentlicht werden – entweder in ferner Zukunft im Archiv oder auch schon früher, etwa in einem Verfahren des Kongresses gegen den Präsidenten. Das kann man kaum riskieren.

Dennoch ist Obama entschlossen, das 21. Jahrhundert bis ins Oval Office eindringen zu lassen. Am Samstag etwa ließ er die traditionelle wöchentliche Radio-Ansprache der Demokraten erstmals per Video auf YouTube senden. Das, so verspricht er, werde er auch als Präsident jede Woche tun. Und wenigstens einen Laptop will Obama auf dem ehrwürdigen Schreibtisch stehen haben.

Sollte er bald tatsächlich auf Blackberry-Entzug gehen müssen, was Beamte im Weißen Haus bereits angedeutet haben, hilft ihm sicher seine Frau Michelle. Überliefert ist eine Szene bei einem Fußballspiel der Tochter, als Michelle ihrem Mann auf die Finger schlagen musste, damit er endlich den Blackberry zurück in den Holster schiebt und zuschaut. Michelle Obama war schon damals als strenge Entwöhnungshelferin zur Stelle, als ihr Mann mit dem Rauchen aufhörte. Oder wie ihr Bruder Craig Robinson erzählte: „Barack brauchte keine Nikotinpflaster. Er hatte Michelle".

Vielleicht fragt Obama auch Vorgänger George W. Bush. Der soll sich vor dem Einzug ins Weiße Haus in einer letzten E-Mail von seinen Freunden aus dem digitalen Leben verabschiedet haben. Weil er nicht wolle, dass künftig all seine privaten Unterhaltungen gespeichert werden, verlasse er nun den Cyberspace, zitiert die „New York Times" aus Bushs E-Mail von der Adresse G94B@aol.com. „Das macht mich traurig. Ich habe mich gerne mit jedem von Euch unterhalten."

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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