USA
Sehnsucht nach dem Schatten

Blumenladen Anne Bruno, Tribeca: Für die beiden Franzosen Anne Bickel und Bruno Abikhzir hatte die Lage im Schatten der Twin Towers einen entscheidenden Vorteil: Die Rosen und Lilien, die sie in ihrem Blumenladen "Anne Bruno" verkauften, blieben länger frisch. "Wir haben diesen Laden gewählt, weil wir das Viertel Tribeca lieben und weil wir nachmittags keine Sonne hatten", erinnert sich Bickel.

Inzwischen muss sie ihre Blumen regelmäßig ins Innere schieben, damit sie von der Nachmittagssonne nicht versengt werden. Am Morgen des 11.Septembers 2001 fährt Bickel allein zu ihrem Laden am West Broadway. Bruno ist am Tag zuvor mit dem gemeinsamen zweijährigen Sohn nach Paris geflogen. Normalerweise hätte der Kleine das Children?s Discovery Center besucht, eine Art Kindergarten im World Trade Center. Als Bickel an diesem Morgen aus der U-Bahn steigt, sieht sie, dass die Zwillingstürme brennen. Wenig später stürzen sie ein. Menschen rennen in einer Wolke aus Staub und Asche an Bickels Laden vorbei. Sie gibt einer Fremden ihre eleganten Sandalen, zieht deren Turnschuhe an und schlägt sich zu den Helfern durch.

Zu ihrem Laden, der fünf Blocks von Ground Zero entfernt am West Broadway liegt, kehrt sie erst drei Tage später, am Freitag, zurück. Alles liegt unter einer dicken Staubschicht, die Pflanzen leben nicht mehr. Doch schon am Montag öffnet Bickel wieder. Blumenarrangements für Kunden wie das Soho Grand Hotel mögen zu diesem Zeitpunkt überflüssig wirken. Aber Bickel will Hoffnung machen.

Die braucht sie auch selbst. Der Laden liegt in der so genannten Frozen Zone, Fußgänger werden streng kontrolliert, private Autos und Lastwagen dürfen hier lange nicht fahren. Laufkundschaft gibt es fast keine. Bickel muss sich mit dem Fahrrad zu ihren Lieferanten im Norden der Stadt durchschlagen. Auf dem Rückweg transportiert sie bündelweise frisch geschnittene Blumen im Fahrradkorb - vor allem Casablanca-Lilien, eine Blumenart mit weißen Blüten und langen, eleganten Stengeln, die einen stechenden Duft verbreitet und auch unter schlechten Bedingungen frisch bleibt. "Wir wollten etwas gegen diesen schrecklichen Gestank hier haben", sagt Bickel. "Oft kamen Leute von der Straße herein und sagten, wir wollen uns hier nur ein bisschen umschauen und schnuppern. Es ist so schön hier." Nur kurz überlegen Anne und Bruno nach dem 11. September, ihren Laden nach Norden zu verlegen. Fast ohne Einnahmen, hätten sie auf Dauer nicht überleben können. Aber sie bleiben, schließlich "war es hier wie in einem Dorf", sagt Bruno Abikhzir, und schon "der Dezember war ein guter Monat". Inzwischen sind die Kunden zurück, das Geschäft läuft wieder so gut wie vor dem Anschlag.

Früher hat sich das Paar, das von Paris nach New York gezogen ist, oft hin und her gerissen gefühlt zwischen der alten und der neuen Heimat. Doch seit den Anschlägen fühlen sich die beiden eng mit New York verbunden. Auch aus Downtown wollen sie auf keinen Fall wegziehen. Nur den Schatten, der ihre Blumen vor der Sonne schützte, den vermissen sie.

South West NY, World Financial Center: Am Nachmittag des 12. Septembers stehen Richard Cohn und Ibrahim Merchant vor den Trümmern ihres Restaurants "South West NY". Draußen auf der Terrasse, auf der die Gäste im Sommer Margaritas geschlürft und den Sonnenuntergang über dem Hudson River beobachtet hatten, herrscht Chaos. Drinnen bedeckt eine dicke Schicht aus Staub und Asche Tische und Stühle, auf dem Boden liegen Glasscherben, die Rohre in der Küche sind geplatzt. "Es war gruselig", erinnert sich Cohn ein Jahr später. "Vorher war es ein Paradies, nachher sah es aus wie nach einem Atomkrieg."

Das South West NY liegt im World Financial Center, also direkt gegenüber von Ground Zero, jenem gigantischen Krater, den die einstürzenden Zwillingstürme gerissen haben. Bis zum Tag des Terroranschlags eine glänzende Lage für ein Restaurant: 50000 Beschäftigte im World Trade Center, 37000, die in den vier Gebäuden des World Financial Centers arbeiten, dazu gut 100000 Touristen täglich, alle potenzielle Kunden. Nach dem 11. September aber ist das Geschäft tot. Wenige Areale in Manhattan sind so verwüstet wie das World Financial Center. Der Gebäudekomplex ist lange gesperrt, tabu für die Öffentlichkeit. "Dies hier ist ein Tatort", hört Cohn von Polizisten, die ihn davon abhalten wollen, sich zu seinem Restaurant durchzuschlagen. Aber Cohn, ein New Yorker Jude, und sein Partner Merchant, ein Moslem aus Pakistan, beschließen nach einer kurzen Phase der Verzweiflung, ihr Restaurant wieder zu öffnen. Hätten sie es geschlossen, hätten sie eine Drei-Millionen-Dollar-Investition aufgegeben. Schlimmer noch, erzählen die beiden, sei der Gedanke gewesen, klein beizugeben. Merchant sagt: "Wir wollten nicht, dass die Terroristen auch noch das zerstören, was von Downtown übrig geblieben war."

Erst einmal darf niemand in das Gebiet, und so entlassen Cohn und Merchant ihre 100 Angestellten:keine Einnahmen, kein Geld für Gehälter. Zum Winteranfang stellen sie wieder neu ein. Cohn schaltet eine Anzeige in einem New Yorker Wochenblatt und erhält 800 Angebote für die 45 Stellen, die er besetzen will. "Es war beängstigend", sagt er heute.

Im Februar 2002 öffnete das South West wieder - mit einer Mischung aus neuen und alten Angestellten. Einigermaßen regelmäßig kommen eine Zeit lang nur Mitarbeiter von Merrill Lynch, dem ersten großen Unternehmen, das wieder ins World Financial Center zurückkehrt. Das Geschäft läuft schlecht. "Viele haben uns für verrückt erklärt", erinnert sich Merchant.

Doch im Frühjahr ziehen immer mehr Unternehmen zurück in das Gebiet, und auch die Kunden kommen zurück ins South West. Scheint die Sonne, gibt es auf der Terrasse nachmittags kaum freie Plätze, draußen stehen die New Yorker Schlange, um an einer Theke Salat oder Sandwiches zu kaufen. An manchen Tagen müssten die Gäste inzwischen eine Dreiviertelstunde auf einen Tisch warten, sagt Cohn. Im August erreicht der Umsatz wieder 92 Prozent des Vorjahreswerts. Den beiden Restaurantbetreibern geht es inzwischen wieder so gut, dass sie Moran?s Restaurant dazupachten wollen, den einzigen anderen großen Laden in der Nähe des Yachthafens.

The Regent Wall Street, Financial District: Als das Hotel Regent Wall Street im Dezember 1999 eröffnete, erwartete Geschäftsführer Christopher Knable, ein Luxushotel inmitten des Finanzdistrikts von New York zu führen. 23 Monate später betreibt er in den gleichen Räumen eine Suppenküche, ein Obdachlosenwohnheim, eine Krankenstation und eine Kirche. Nach dem 11. September treffen sich in der riesigen, 20 Meter hohen Hotelhalle mit ihren kostbaren Teppichen und Kronleuchtern die Ground-Zero-Helfer.

"Wir hatten immer ein Buffet aufgebaut, und es wurde von Tag zu Tag größer", erzählt Knable. "Blitzschnell sprach sich herum, dass man sich bei uns traf." Auf den langen Banketttischen im Ballsaal türmt sich das Essen, und dankbare Rettungsarbeiter, Polizisten und Feuerwehrleute marschieren in dreckverschmierten Stiefeln und staubigen Kleidern in die Hotelhalle.

Die Marketingchefin des Hotels, Rose Genovese, wird kurzerhand Leiterin einer Suppenküche. Restaurants in der Gegend spenden Nahrungsmittel, Genovese sorgte dafür, dass es ordentlich platziert wird. "Es war surreal", erzählt sie. "In einem Raum, in dem 24 Stunden zuvor Leute mit schwarzen Krawatten edel gespeist hatten, standen jetzt Feldbetten für Rettungskräfte." Und als am 4. November die nahe Trinity-Kirche geschlossen wird, werden die Gottesdienste in einen der Konferenzräume des Hotels verlegt.

Das normale Geschäft jedoch bleibt auf der Strecke. Das Gebäude liegt an der Wall Street in einem Bereich, der lange gesperrt bleibt. Im Oktober und November geht die Belegungsrate gegen null. Doch die Rolle, die das Hotel in den schwersten Monaten übernimmt, hilft ihm zu überleben. Das Engagement von Knables Team macht die Runde, der frisch erworbene Ruhm bringt Kunden, das Hotel nimmt inzwischen mehr ein als vor einem Jahr. So feiert im März Filmstar Liza Minelli ihre Hochzeit im Hotel. Es werden Wohltätigkeitsdinner gegeben, bei denen das Gedeck 1000 Dollar kostet, freitags kommen oft Senatoren und Abgeordnete zum Mittagessen - und aus der Suppenküche ist längst wieder ein Ballsaal geworden.

Sew-Joy Products, Chinatown: Angela Ng, Näherin bei Sew-Joy Products in New Yorks Chinatown, erinnert sich noch gut an ihre Befürchtungen nach den Anschlägen. Erst ist da die Angst um einen ihrer Söhne, der bei Deloitte & Touche im World Financial Center gearbeitet hat. Dann die Furcht, die Terroristen könnten wieder zuschlagen. Später die Sorge um ihren Arbeitsplatz. Sew-Joy Products erhält kaum noch Aufträge. "Ich hatte große Angst, ich könnte meine Kinder nicht mehr ernähren", sagt Ng.

Tausende von Beschäftigten arbeiten in der Bekleidungsindustrie im chinesischen Viertel. Die Lispenard Street, in der Angela Ng an der Nähmaschine sitzt, liegt ungefähr anderthalb Kilometer von Ground Zero entfernt - und doch sagt Ngs Chef Frank Chen, die Anschläge hätten ihn finanziell schwer getroffen: Viele ähnliche Betriebe hätten einfach geschlossen, und er habe nicht gewusst, ob seine Firma überleben werde. Seine Frau verlässt die Stadt sogar zeitweise, um in Atlantic City zu arbeiten.

"Der 11. September hat mich umgebracht", klagt er noch heute. "Keiner hat mir Aufträge gegeben: keine Arbeit, kein Geschäft." Lastwagen kommen nicht mehr nach Chinatown durch. An manchen Tagen geht Chen nur in die Fabrik, um die Katzen zu füttern. Chen lässt in einem großen, überfüllten Raum nähen. Dicht gedrängt sitzen die Arbeiterinnen über ihren Nähmaschinen, im Winter ist es frostig kalt, im Sommer unerträglich heiß.

In diesem Winter aber sitzt Angela Ng meistens zu Hause im New Yorker Stadtteil Queens: "Ich wartete darauf, dass das Telefon klingelt", erzählt sie. "Wenn der Chef anrief, habe ich alles liegen gelassen und bin in die Fabrik geeilt." Doch in manchen Wochen verdient sie nicht mehr als 40 Dollar.

Inzwischen sieht es für Ng und ihren Chef wieder besser aus. Die Näherin bekommt wie viele Kolleginnen Hilfe von der Organisation Seedco. Die Organisation, die unter anderem vom US-Arbeitsministerium unterstützt wird, hilft kleineren Geschäften und Unternehmen rund um Ground Zero. Ng bekommt drei Monate lang einen garantierten Stundenlohn von knapp sieben Dollar und kann 40 Stunden die Woche arbeiten. Regelmäßiger Lohn, das ist schon etwas in einer Branche, die sonst oft nur pro Stück zahlt - und bei ausbleibenden Aufträgen gar nicht. "Es läuft wieder besser", sagt Angela Ng, als sie sich wieder an ihre Nähmaschine setzt. Ihr Chef blickt derweil zufrieden in den überfüllten Fabrikraum: "Ich bin sehr glücklich."

Quelle: Handelsblatt

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