USA: Trend zur Arbeitsplatz-Verlagerung könnte abflachen
"Einsparungen wurden überschätzt"

Siemens will die Handy-Produktion vom Niederrhein nach Ungarn verlagern, Nokia in Bochum stellt Mitarbeiter für die Herstellung von Mobiltelefonen ein. In den USA könnte der Trend zur Verlagerung von Jobs bald abflachen, weil das Einparpotenzial immer geringer werde, meinen Fachleute.

Dem Exodus Richtung Osten haben sich vor allem deutsche Automobilzulieferer angeschlossen. Auch Siemens überlegt, die Handy-Fertigung an den Standorten Bocholt und Kamp-Lintfort nach Osteuropa zu verlagern. Der finnische Telekommunikationskonzern Nokia hingegen produziert weiterhin Mobil-Telefone in Bochum. Trotz westdeutschen Löhnen kann sich die Fertigung international behaupten.

Parallel zur Produktion von Fernsehern, die mittlerweile eingestellt wurde, hatte Nokia schon vor Jahren mit der Herstellung von Handys begonnen. So konnten Teile der qualifizierten Belegschaft aus der Fernseher- in die Handy-Produktion wechseln. Mit dem Handyboom wuchs auch das Bochumer Werk. Von 1997 bis 2001 wurden allein rund 1500 Mitarbeiter eingestellt. Aber im Herbst 2001 verlagerte Nokia Teile der Produktion nach Ungarn und Fernost. Mehrere 100 befristete Stellen liefen aus, rund 150 Mitarbeitern wurde gekündigt. Die Belegschaft sank von 3000 auf 2700.

Dieses Niveau wurde bislang gehalten, Nokia stellt in Bochum Mitarbeiter ein. Dort sind auch die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten angesiedelt. Das Unternehmen bezahlt nach dem Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie von NRW. Es gibt Arbeitszeitkonten und flexible Arbeitszeiten. Ludger Hinse, IG-Metall-Bevollmächtigter aus Bochum, ist zufrieden: "Hier wurde der Strukturwandel vorausschauend angegangen." Dennoch ist der Metaller vorsichtig, denn das Thema Verlagerung bleibe auf der Tagesordnung.

"Einsparungen bestenfalls 20 Prozent"

Nicht nur in Deutschland, auch in den USA, ist die Verlagerung von Arbeitsplätzen, Offshoring genannt, ein Problem. Nach Angaben der Marktforscher von DiamondCluster wollen 86 % der US-Chefs noch in diesem Jahr große Teile ihrer Technologiejobs ins Ausland verlagern. Vor einem Jahr haben nur 32 % von solchen Plänen gesprochen.

Allerdings geben die Chefs inzwischen zu, dass sie sich bei den Einsparungsmöglichkeiten durch Outsourcing erheblich verschätzt hätten. "Die Firmen erwarten heute nicht mehr Einsparungen von 50 % und mehr, sondern rechnen bestenfalls noch mit Verbesserungen von 10 % bis 20 %", sagte Tom Weakland, Direktor bei DiamondCluster. Seiner Ansicht nach könnte sich dadurch der Trend bald verflachen, weil die Einsparungsmöglichkeiten immer geringer werden.

Auch die Industrie-Analysten von Gartner berichten von einer Zunahme des Outsourcing, speziell im IT-Sektor. In ihrem neuesten Bericht prognostizieren sie, dass bis 2010 ein Viertel der amerikanischen IT-Arbeitsplätze ins Ausland abgewandert sein wird. Hauptnutznießer davon sind weiterhin Indien und, stärker als bisher, China.

In den nächsten Jahren wird sich nach Meinung von Diane Morello, Direktorin des Beratungsunternehmens Gartner, das Outsourcing verändern. Derzeit werden bei solchen Projekten Arbeitsplätze in den USA abgebaut und ins Ausland verlagert. Doch in Zukunft würden in den Offshore-Ländern neue Arbeitsplätze innerhalb der Auslandsgesellschaften entstehen, die es vorher in den USA überhaupt nicht gab. "Es ist demnächst nur noch ein indirektes Outsourcing in Form von ?nicht in USA entstandenen Arbeitsplätzen?", erklärt sie den neuen Trend.

Um sich gegen den Vorwurf der Arbeitsplatzvernichtung zu wehren, hat jetzt die Information Technology Association of America eine Studie veröffentlicht, nach der durch Offshoring in den USA im vergangenen Jahr 90.000 Arbeitsplätze entstanden seien, bis 2008 sollen es sogar 317.000 Stellen sein. Durch Outsourcing könnten die Unternehmen billiger produzieren und ihre Geschäfte wieder ausweiten. Verlagerungen in der Produktion, zahlenmäßig die größeren Posten, sind in dieser Untersuchung aber nicht enthalten. Und Fachleute mahnen zur Vorsicht: In der jüngsten Vergangenheit lagen jedoch die Beschäftigungs-Prognosen oft neben der Realität.

Quelle: VDI Nr. 014 vom 02.04.2004 Seite 5

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