USA wollen erneut Nachbarn des Iraks auf ihre Linie einschwören
Die arabische Anti-Kriegs-Front bröckelt

In einer neuerlichen diplomatischen Offensive versuchen bis zum Jahresende amerikanische Unterhändler die arabischen Nachbarn des Iraks auf ihre Seite zu ziehen. Sie könnten dabei Erfolg haben. Denn der Widerstand gegen ein amerikanisches Eingreifen im Irak weicht zunehmend praktischen Erwägungen.

HB DÜSSELDORF. Kaum eine Woche vergeht in den arabischen Ländern ohne einen Anschlag auf amerikanische Ziele. US-Bürger oder deren Symbole sind von den Emiraten und Kuwait über Jordanien bis hin zum Libanon einer wachsenden Welle der Gewalt ausgesetzt. Doch der Unmut über den Kurs der USA, der sich darin ausdrückt, hat mit der offiziellen Politik der Staaten des Nahen und Mittleren Ostens nur wenig zu tun. Tatsächlich überwiegt inzwischen ein stiller Konsens darüber, die Washingtoner Kreise nicht zu stören. "Alle versuchen, unbeschadet aus der Krise herauszukommen", sagt Volker Perthes von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Und: "Man stellt sich den USA nicht in den Weg".

Denn zuviel steht auf dem Spiel. Wollen die Irak-Anrainer zum einen nicht den Zorn der USA auf sich ziehen, werden nach einem möglichen Regimewechsel in Bagdad auch politisch und ökonomisch die Karten neu gemischt. "Bei dieser Neuordnung wollen natürlich viele ein Wort mitreden", sagt der Arabien-Experte Perthes.

Und die regionalen Nachbarn könnten durchaus eine Chance haben, an der Verteilung der Ressourcen in einem Nachkriegs-Irak zu partizipieren. So kam die Deutsche Bank Research kürzlich in einer Studie zu der Annahme, amerikanische Ölfirmen würden sich aus Sicherheitsgründen der Hilfe befreundeter Staaten bedienen, um die Ölfelder auszubeuten. Denn eine der Unbekannten in den Planungen ist die Reaktion der irakischen Bevölkerung auf einen von den Amerikanern angeführtenMilitärschlag. Der frühere irakische Brigadegeneral Tawfiq al-Yasiri wies jüngst in der arabischen Zeitung Al Hayat darauf hin, dass die irakische Bevölkerung die USA nur als "Imperialisten" kenne. Die Iraker würden sich deshalb schwer tun, unvermittelt den Amerikanern als "Retter" gegenübertreten zu müssen.

Aber nicht nur aus rein ökonomischen Interessen könnten die Folgen eines Krieges gegen den Irak stärker begrenzt bleiben als bisher angenommen. In Fachkreisen gilt die Domino-Theorie, nach der reihenweise arabische Regierungen fallen werden, ohnehin nicht als realistisch. Zwar sind Proteste und Anschläge nicht ausgeschlossen, und manche arabische Regierungen und Königshäuser werden sich vor allem durch repressive Maßnahmen an der Macht zu halten versuchen. Gleichzeitig erinnern Experten aber auch an die Bereitschaft zum "Appeasement", das sich in einem Wort des Gründers des saudi-arabischen Königreichs, Abdelazziz Ibn Saud, aus den dreißiger Jahren dokumentiert. Als dieser erfuhr, dass sich ein britischer Kreuzer dem Hafen Janbu am Roten Meer näherte, soll er gefragt haben: "Können wir das verhindern? Nein? Dann heißen wir sie willkommen!"

Am schwierigsten könnte sich allerdings die Lage für Jordanien entwickeln. Von der palästinensischen Bevölkerungsmehrheit wird der Kurs der "aktiven Neutralität" zugunsten der USA von König Abdallah II. nicht geteilt. Und die rund 300 000 irakischen Einwanderer stellen für Amman eine unkalkulierbare Größe dar. Sind sie, was anzunehmen ist, vom irakischen Geheimdienst unterwandert, können sie leicht für Unruhen sorgen.

Dagegen gilt Kuwait unter den Irak-Anrainern als der - aus amerikanischer Sicht - stabilste Partner. Noch immer sitzen die Verletzungen tief, die Bagdad den Kuwaitis im Golf-Krieg 1990 und 1991 zugefügt hatte. Und nicht nur befinden sich noch immer einige hundert Kuwaitis als Kriegsgefangene in den Händen des großen Nachbarn - auch empfindet man in der glitzernden Metropole Kuwait City den Irak weiterhin militärisch als große Bedrohung. Kuwait ist deshalb vielleicht das einzige arabische Land, das ein aktives Interesse an einem Regimewechsel in Bagdad verfolgt.

Anders sieht es mit Saudi-Arabien aus, das politisch und ökonomisch einen gefesselten Irak bevorzugt. Das saudische Königshaus ist in der Bevölkerung nur schwach verankert. Wirtschaftlich könnte zudem mit dem Irak ein großer Konkurrent auf dem Ölmarkt erwachsen. Zudem ist nicht sicher, ob ein USA-freundliches Regime in Bagdad auch Riad gegenüber Sympathie zeigen wird. Doch ähnlich wie der Iran werden sie wohl stillhalten. Denn Freunde von Saddam sind sie sämtlich nicht.

Quelle: Handelsblatt

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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