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[NOHYPHEN]Joseph Lieberman soll für moralische Integrität im demokratischen Präsidentschaftsteam stehen Gore wählt Clinton-Kritiker zu seinem Vize Al Gore hat Senator Joseph Lieberman zu seinem Kandidaten für die Vize-Präsidentschaft gemacht. Mit seiner Wahl distanziert sich Gore deutlich von den Affären seines Vorgesetzten Bill Clinton - und übernimmt eine Woche vor dem demokratischenNominierungsparteitag der Demokraten wieder die Medienhoheit im US-Wahlkampf. CHRISTOPH NESSHÖVER

HANDELSBLATT, 8.8.2000

WASHINGTON. Mit der Wahl von Senator [NAMEN]Joseph Lieberman[] als Kandidaten für das Amt des Vize-Präsidenten hat [NAMEN]Al Gore[] seine Aufholjagd zu [NAMEN]George W. Bush[] im US-Präsidentschaftswahlkampf gestartet. Mit dem moralisch hoch angesehenen und politisch moderaten Lieberman zielt Gore auf die Wähler der politischen Mitte. Drei Monate vor der Wahl des Nachfolgers von [NAMEN]Bill Clinton[] liegt Gore in Umfragen bis zu siebzehn Prozentpunkte hinter Bush zurück. Gore will Lieberman am heutigen Dienstag in seiner Heimatstadt Nashville in Tennessee offiziell vorstellen. Lieberman galt zwar seit Monaten als möglicher Kandidat für die Vize-Präsidentschaft an der Seite Gores. Seine Wahl ist dennoch eine Überraschung. Denn mit dem Senator aus Connecticut ist damit zum ersten Mal in der US-Geschichte ein Politiker jüdischen Glaubens Kandidat in einem Präsidentschaftswahlkampf. Der 58-jährige Jurist Lieberman gehört seit 1988 dem US-Senat an. Zuvor erwarb er sich als Senator in Connecticut (1970 bis 1980) und als Generalstaatsanwalt seines Heimatstaates (1982 bis 1988) den Ruf eines integren demokratischen Politikers, der bei Themen wie Kriminalitätsbekämpfung und Familienwerte konservativer ist als viele

seiner

seiner Parteifreunde. Sein Engagement in der Bildungs- und Umweltpolitik hat

Lieberman

ihm auch viel Respekt in

seiner

der

eigenen

Partei eingebracht. Der Senator selbst sieht sich als "New Democrat" in der Tradition von Bill Clinton. Mit Lieberman stärkt Gore zwei Bereiche, in denen er in den vergangenen Monaten gegenüber seinem Konkurrenten Bush zurückgefallen ist. Der tief religiöse Liebermann, der am jüdischen Sabbat nur selten politische und grundsätzlich keine Wahlkampftermine wahrnimmt, bringt Gores Kampagne moralische Autorität. Jüngste Umfragen zeigen, dass die Sexaffären von Bill Clinton auch auf seinen Vize-Präsidenten Gore abgefärbt haben, weil für viele Wähler ein Präsident Gore nur eine Verlängerung der Ära Clinton - und damit implizit auch ihrer Affären - bedeutet. Von diesem Handicap soll Liebermann Gore befreien. Denn es war der Demokrat Lieberman, der auf dem Höhepunkt der Lewinsky- Affäre im September 1998 als einer der ersten Parteifreunde des Präsidenten im Senat die moralischen Verfehlungen Clintons scharf kritisierte. "Liebermans Kritik an Bill Clinton wird ihm auch bei Republikanern einige Punkte einbringen", sagte der Politikprofessor Howard Reiter von der University of Connecticut nach Liebermans Benennung. Lieberman war einer der ersten Senatoren, der 1991 die Präsidentschaftsambitionen Clintons unterstützt hatte Der zweite Politikbereich, in dem sich Gore durch Liebermans Benennung einen Schub erhofft, ist die Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Hier war Gore durch die Kandidatur des ehemaligen Verteidigungsministers [NAMEN]Richard Cheney[] als Vize-Präsident an der Seite Bushs in die Defensive geraten. Auch hier erscheint Lieberman als kluge Wahl Gores. Als Senator hat sich Lieberman im Gegensatz zur Mehrheit seine Demokratischen Kollegen stets für eine Stärkung des US-Militärs und die Erhöhung des Verteidigungshaushaltes eingesetzt. Als Mitglied des Verteidigungsausschusses im Senat war Lieberman zudem Mitautor der so genannten Golfkriegs-Resolution. Sie verurteilte die Invasion Kuwaits durch den Irak 1991 und bildete die Grundlage für die "Operation Wüstensturm". In ersten Reaktionen wird Gores Wahl gelobt. Der Republikaner Scott Reed, der 1996 Clintons Gegner Bob Dole im Wahlkampf beraten hatte, bezeichnete Gores Entschluss als "mutigen und unkonventionellen Schritt". Reed sagte: "Damit demonstriert Gore, dass er sich eindeutig von Clinton abgrenzen will." Demokraten hoben hervor, dass Lieberman als Befürworter des Rechts auf Abtreibungen und Befürworter von strikteren Schusswaffenkontrollgesetzen voll auf der Linie der Mehrheit der Demokraten liege. Der Fraktionsführer der Demokratischen Minderheit im Senat, Thomas Daschle, hatte das Team Gore/Lieberman schon vor seiner Ernennung befürwortet: "Mit Gore und Lieberman haben die Demokraten eine echte Chance, den Kampf um Amerikas politische Mitte zu gewinnen." Auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten, der am kommenden Montag in Los Angeles beginnt, werden Gore und Lieberman den US-Wählern beweisen müssen, dass sie der Herausforderung der Republikaner Bush und Cheney gewachsen sind. Ein Ziel hat Gore bereits erreicht: Mit der gezielten Indiskretion aus seinem Hauptquartier beherrscht Gore wieder die Schlagzeilen der US-Medien.

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