Usain Bolt läuft in eine neue Dimension
Am Anfang einer neuen Epoche

Er hat hat vergessen, sich die Schuhe zu binden, er ist schlecht gestartet und zum Schluss ist er nur noch ausgelaufen. Dennoch ist Usain Bolt die 100 Meter so schnell gelaufen wie niemand vor ihm. Er hätte noch schneller sein können, aber das möchte er gar nicht. Nun fragen sich alle, wozu der Jamaikaner in Zukunft noch fähig ist. Er selbst will eigentlich nur eines: spielen.

PEKING. Usain Bolt soll sich neben die Anzeigtafel hocken. Denn die zeigt ja an, was er soeben vollbracht hat. Und das Bild von ihm und dieser Zeit muss um die Welt gehen. Bolt spielt das Spiel mit, nur will ihn die Zeit nicht so recht interessieren. Er freut sich einfach, dass er Olympiasieger ist, der erste über die 100 Meter in der Geschichte Jamaikas. Er ist der einzige im Stadion, dem die Dimension dessen, was gerade passiert ist, nicht bewusst sein will. Er hat doch nur seinen Job gemacht, sagt er später.

Usain Bolt hat nur seinen Job gemacht. Genau genommen hat er ihn nicht mal besonders gut gemacht. Er hat vergessen, sich die Schuhe zu binden. Er ist schlecht in dieses Finale gestartet, seine Reaktionszeit war um 0,03 Sekunden langsamer als die seines größten Rivalen Asafa Powell. Und er ist die letzten 25 Meter nur noch ausgelaufen.

Trotzdem hat er am Samstagabend um 22.28 Uhr alles verändert. Hat den Menschen etwas gegeben, das sie so noch nie gesehen haben. Eine "6" nach dem Komma. Nicht einfach nur Weltrekord, sondern der Beginn einer neuen Ära im Sprint, 20 Jahre, nachdem Ben Johnson gedopt erstmals schneller als 9,8 Sekunden gelaufen ist, neun Jahre, nachdem dieses Maurice Greene nach offizieller Lesart gelungen ist. Und mehr noch, Usain Bolt hat ihnen neue Fantasie verabreicht, weil er noch viel schneller hätte laufen können.

Wenn seine Aufgabe also darin besteht, die Sucht der Menschen nach grenzenloser Geschwindigkeit zu befriedigen, hätte er das nicht besser machen können. Wenn er seinen Job so versteht, die wahre Grenze erst zu testen, wenn es mehr zu verdienen gibt, auch dann hätte Bolt alles richtig gemacht. Genügend Zeit hatte er jedenfalls, um an die Prämien der großen Meetings zu denken. Er schlenderte so lässig dem Ziel entgegen, dass ihm ein jeder maßlose Arroganz unterstellte, wenn es sich dabei um Carl Lewis gehandelt hätte.

Aber Usain Bolt will eigentlich nur spielen. So, wie er es auch auf den zweiten 100 Metern hält, die er an diesem Abend zurücklegt. Er rennt einfach weiter, die Kurve entlang bis zur Gegengerade. Wenn jemand bei der 200 Meter-Marke gestoppt hätte, vielleicht wäre der Weltrekord von Michael Johnson auch noch gefallen. Am Mittwoch erst wird er sich darum kümmern.

Als der Mann aus Trelawny Parish bei seinen Fans ankommt, hüllt er sich in die jamaikanische Flagge. Von den Rängen brüllt es herunter. Kameras blitzen. Das Glück entlädt sich in der dicken Nachtluft. Und als die chinesischen Organisatoren auch noch irgendeinen Bob Marley-Verschnitt in den CD-Player werfen, verwandelt Usain Bolt das Nationalstadion in einen Strand.

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