Utz Claassen, 40, ist Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers EnBW in Karlsruhe
Wie fühlt man sich eigentlich, Herr Claassen ...

... wenn man tausende von Mitarbeitern entlassen muss?

Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich etwas tun muss, was mit Personalabbau zu tun hat. Ich verstehe jeden, der sagt, es ist ungerecht, das sehe ich auch so. Ich kann die Verärgerung und Enttäuschung in der Belegschaft gut nachempfinden, denn die Mitarbeiter haben diese Situation - den Rekordverlust von 927 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2003 - weder zu verantworten, noch haben sie sie verursacht noch gekannt. Dennoch müssen sie Konsequenzen tragen. Das ist für alle Beteiligten sehr schwierig, ist aber notwendig fürs Überleben und die Wettbewerbsfähigkeit der EnBW.

Unterm Strich ist es sozialer, die EnBW als Organismus langfristig am Leben zu erhalten und damit den größten Teil der Arbeit zu sichern. Auch wenn tiefe Einschnitte nötig sind, um nicht den Gesamtorganismus in Gefahr zu bringen. Am 4. Juli - also schon vor drei Monaten - habe ich selbst bekannt gegeben, dass wir bei den Personalkosten 350 Millionen Euro einsparen müssen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dass es um 3 700 Arbeitsplätze gehen soll, die Zahl habe ich selbst erstmals in der Zeitung gelesen. Einen entsprechenden Vorstandsbeschluss gibt es jedenfalls nicht, und es entspricht auch nicht meiner persönlichen Zielsetzung. Betriebsbedingte Kündigungen sind ohnehin immer nur die letzte Maßnahme. Zu flexiblen Lösungen bin ich auch gern bereit, wenn die Arbeitnehmervertreter entsprechende Ansätze mittragen. Ich bin weder glücklich über die leider nötigen Maßnahmen, noch glücklich über meine Behandlung. Aber die eigene Befindlichkeit darf in so einer Situation nicht das Maß aller Dinge sein. Dennoch kommt es mir manchmal so vor, als müsse ich mich dafür entschuldigen, welche Situation ich vorgefunden habe. Das ist wirklich grotesk. Auch ich würde lieber Zukunft gestalten, als Vergangenheit zu bewältigen - und lieber modellieren als reparieren.

Die Frage stellte Claudia Tödtmann

*Utz Classsen ist seit Mai Vorstandsvorsitzender von EnBW, nachdem er zuvor den Satorius-Konzern in Göttingen aus den roten Zahlen geführt hat.

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