Utz Claassen wird Chef des Energieversorgers EnBW
Einer, der nie ankommt

Fotos können lügen, man weiß das. Da sitzt Utz Claassen, scheinbar ruhend in sich und seiner Leibesfülle. Das ist aber nur die Wahrheit der Zweihundertfünfzigstel-Sekunde. Davor und danach ruht der Mann selten.

Wenn er spricht, und das tut er gern und lang, presst er die Sätze heraus, äußerlich ruhig, innerlich unter Druck. Je mehr Zuhörer, desto lieber ist es ihm. Er weiß, dass er überzeugen kann, in dem er Stimmung macht. Selten genügt ihm das vorgegebene Thema, gern geht er ins Grundsätzliche, Dozierende - sei es die japanische Unternehmenskultur oder die Rückständigkeit der herrschenden Controlling-Lehre. Das Abitur hat er früh und mit Durchschnittsnote 0,7 gemacht. Mit Mitte Dreißig wurde er Vorstandsvorsitzender, Doktor ist er sowieso, Professor inzwischen auch.

Wer Ziele so selbstverständlich erreicht, steckt sie immer weiter, und irgendwann wird der Weg zum Ziel. Claassen ist einer, der nie ankommen wird. Jetzt macht er Station bei der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW). in Karlsruhe. Im eigenen Haus, der Göttinger Sartorius AG, schwankten die Reaktionen gestern zwischen sprachlos, überrascht und ahnungsvoll nickend. Natürlich habe er mit einem Abgang gerechnet, sagt ein Mitglied der Führungsriege - irgendwann, in ein oder zwei Jahren. Andererseits sei die Stimmung in den vergangenen Wochen nicht mehr so euphorisch gewesen wie ehedem.

Jetzt geht die Sorge um: Wird Sartorius wieder vom Kleinkrieg der Erben des Unternehmens zerfressen? Claassen hinterlässt bei Sartorius ungelöste Probleme. In fünf Jahren hat er aus einem freundlich-verschlafenen Familienunternehmen einen weltweit verzweigten Technologiekonzern gemacht. Aus "Separations- und Wägetechnik" wurde "Mechatronik und Biotechnologie", aus dem Hersteller von hochpräzisen Filtern und Waagen ein Systemanbieter und vor allem: Aus dem stagnierenden, ertragsschwachen Mittelständler wurde ein wachstumsstarkes Unternehmen.

Aber des Doktors Medizin hat auch Nebenwirkungen. Die Expansion brachte massive Produktionsprobleme, zugekaufte Unternehmen mussten saniert werden, die Börsenpläne der Tochter Vivascience liegen immer noch in der Schublade. Die Zahlen färbten sich rot. Claassen reagierte, wie er es unter anderem in Oxford gelernt hat: Task Force unter seiner Leitung, Zehn-Punkte-Plan. Er selbst als strategischer Kopf an der Spitze, das Ausführen überließ er seinen Mitarbeitern. Das Programm läuft und zeigt Erfolg. Aber im Frühjahr 2003, wenn der Chef nach Baden-Württemberg abwandern soll, wird das Unternehmen noch nicht dort sein, wo er es haben wollte.

Intern hätte es deswegen garantiert Ärger gegeben. Claassen schätzt es nicht, wenn von ihm entworfene Ziele nicht erreicht werden. Freunde hat er sich mit dieser Haltung in Göttingen wenige gemacht, Respekt jedoch haben die meisten vor ihm. Dass es ihn jetzt schon fortzieht, erklären Vertraute mit der Größe der Aufgabe bei EnBW. An der Qualifikation besteht nach ihrer Überzeugung kein Zweifel. In Konzernen kennt er sich aus, und auch die politische Landschaftspflege ist ihm vertraut, allerdings setzte er dabei bisher Prioritäten, die in Baden-Württemberg woanders liegen dürften.

In Göttingen holte sich Claassen einen einflussreichen SPD-Kommunalpolitiker ins Unternehmen, und Gerhard Schröder kam zur Werkseröffnung. Dafür bereicherte der Manager das Spendendinner des wahlkämpfenden Kanzlers in einer Zeit als viele fehlten, weil es für die SPD nicht gut aussah. Bei EnBW muss er mit der politischen Konkurrenz zurechtkommen. Seinen Neigungen dürfte das nicht entsprechen. Aber Claassen ist zu sehr Manager, als dass er damit wirklich ein Problem hätte.

Nicht nur hier bewähren sich die Lehrjahre beim aufrichtig bewunderten Ferdinand Piëch. Auch der pflegte den Draht ins Kanzleramt, ohne das je für Nähe zu halten. Piëch machte den VW-Controller Claassen einst zum Finanzvorstand bei Seat. Da hatte der junge Mann schon Stationen bei McKinsey und Ford hinter sich. Kaum war die Seat-Sanierung in Sicht, wechselte er zu Sartorius. Mit der Energiebranche hat Claassen nie zu tun gehabt, aber das galt auch für Filter und Waagen, bevor er zu Sartorius kam.

Wenn Techniker gelegentlich auf Kaufleute hinabblicken, weil die doch nur verkaufen, was an-dere ausdenken, dreht Claassen den Spieß um: Ein guter Manager kann jedes Unternehmen führen. Als habe er seine Vielseitigkeit bisher noch nicht bewiesen, zieht es ihn auch zu Wissenschaft und Ehrenämtern. Unvergessen ist das Zwischenspiel als Präsident des Fußballclubs Hannover 96. Aber es gibt Dinge, die kann man nicht managen. 96 stieg damals nicht auf.

Quelle: Handelsblatt

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