VCI-Chef Simson will noch nicht jammern – Sparprogramme zeigen Wirkung
Chemie kocht nur auf halber Flamme

Wenn es der Chemieindustrie gut geht, dann darf die gesamte deutsche Industrie hoffen, denn die Branche spürt Auf und Ab der Konjunktur sehr früh. Demnach gibt es nicht viel Hoffnung auf eine schnelle Erholung der Konjunktur. Der Verband VCI rechnet erst 2003 mit einem Aufschwung, der den Namen verdient.

DÜSSELDORF. Die deutsche Chemieindustrie verzeichnet trotz einiger positiver Signale noch keine durchgreifende Besserung der Branchenkonjunktur. "Ich gehe davon aus, dass das zweite Quartal nicht besser als das erste wird", sagte Wilhelm Simson, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) gegenüber dem Handelsblatt. Für das Gesamtjahr erwartet Simson im Vergleich zu 2001 ein nur schwaches Produktionsplus sowie einem leichten Umsatzrückgang.

"Wir können zwar nicht jammern, können aber auch nicht sagen, wir hätten es bereits geschafft", erklärte Simson am Rande der diesjährigen Handelsblatt-Jahrestagung Chemie in Frankfurt. Im ersten Quartal hat die Branche eine Besserung gegenüber den äußerst schwachen Schlussmonaten 2001 verzeichnet. Das Produktionsvolumen stieg im Vergleich zum vierten Quartal um 3%. Doch führen Branchenkenner dies zu einem großen Teil auf das Auffüllen der Lagerbestände bei den Kunden und weniger auf eine nachhaltig steigende Nachfrage aus Branchen wie Automobil, Elektronik, Telekommunikation oder Bau zurück. Zudem ist der Vergleichszeitraum, das Schlussquartal, in jedem Jahres das schwächste.

Die Chemie gilt als frühzyklische Branche, da sie Vorprodukte wie Kunststoffe und Lacke für diese bedeutenden Abnehmerindustrien herstellt. Sie ist damit ein wichtiger Indikator für die Konjunktur der Gesamtwirtschaft. "Wenn der Aufschwung da ist, spürt unsere Branche dies sehr schnell und sehr stark", erklärte Simson.

Dies sei aber bislang noch nicht der Fall. "Ich gehe davon aus, dass erst das dritte oder vierte Quartal die Wahrheit bringt", sagte Simson mit Blick auf die derzeit unsichere Bewertung der wirtschaftlichen Lage in Europa und Nordamerika. Chemie-Analysten stützen diese Einschätzung: "Mit einem nachhaltigen Aufschwung in der Chemie ist erst gegen Jahresende zu rechnen", erwartet Andreas Heine von der Hypovereinsbank.

Die Analysten verzeichnen zwar ebenso wie der VCI durchaus positive Signale aus den Chemieunternehmen. So ist die Auslastung der Kapazitäten nach Verbandsangaben im ersten Quartal im Vergleich zum schwachen vierten Quartal 2001 von 79% auf 81% gestiegen. Jedoch sei die Unsicherheit groß, inwieweit auch eine Belebung in den zurückliegenden Woche auf den Lageraufbau bei den Kunden zurückzuführen sei, erläuterte Hypovereinsbank-Analyst Heine.

Bis Januar waren die Läger der Chemiekunden praktisch leergefegt und sind seither in Erwartung von Preissteigerungen und einem Konjunkturaufschwung aufgefüllt worden. Die Investmentbank Credit Suisse First Boston stufte jüngst den Spezialchemiesektor auf "Neutral" zurück - unter anderem weil sie mit einem Ende dieser Auffüllung rechnet damit die Unsicherheit für die weltweite Chemieindustrie größer werde.

Als größtes Risiko für die Konjunktur wertet Simson die "weltpolitische Großwetterlage", und dabei besonders eine mögliche Ausweitung der Konflikte im Nahen Osten und einen möglichen Golfkrieg. Die Chemie fürchtet dabei auch die Folgen eines hochschnellenden Rohölpreises: Das Öl ist der wichtigste Rohstoff der Branche, aus ihm werden etwa Kunststoffe hergestellt. Chemiefirmen sind auf einen möglichst konstanten und niedrigen Ölpreis angeweisen, um verlässlich planen zu können.

Seit dem Konjunktureinbruch im vergangenen Jahr haben deutsche Chemiekonzerne wie die BASF AG, aber auch der Mittelstand, harte Schnitte zur Kostensenkung eingeleitet, damit die Gewinne nicht zu stark einbrechen. Dieser Druck werde weiter bestehen, glaubt VCI-Präsident Simson. Folge: Nachdem die Zahl der Beschäftigen in der Branche im vorigen Jahr bereits gesunken ist, erwartet der VCI einen weiteren Rückgang in diesem Jahr.

Doch geht die Sparwelle nach Simsons Einschätzung nicht auf Kosten der Investitionen, die im laufenden Jahr wie in den Vorjahren sogar leicht steigen würden. "Unsere Branche wird weiter stark investieren, die Frage ist nur, wo", sagte er. In jüngster Zeit haben Konzerne wie Bayer, BASF und Degussa vor allem Geld in den Aufbau von Anlagen in Asien gesteckt, weil sie dort das stärkste Wachstum in den nächsten Jahren erwarten.

Allerdings investieren auch deutsche Chemie-Mittelständler mehr im Ausland. "Das passiert fast unbemerkt und wird sich noch verstärken, wenn sich die Rahmenbedingungen in Deutschland weiter verschlechtern", warnte Simson. Der VCI-Chef ist Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns Eon und zugleich Aufsichtsratschef der Eon-Chemietochter Degussa.

Von BERT FRÖNDHOFF, HANDELSBLATT

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