Verändertes Anlegerverhalten führt zu Rekordumsätzen bei Derivaten
Terminmärkte schlagen Kassabörsen

Umsatzflaute bei Aktien - Rekordumsätze bei Derivaten. Die Anleger haben in der Baisse erkannt, dass sie mit Derivaten kostengünstig auf den Gesamtmarkt setzen können. Die innovativen Finanzinstrumente bieten dem Investor zudem die Chance, auf steigende und fallende Kurse zu spekulieren.

FRANKFURT/M. Lange Gesichter an den Aktienbörsen, Jubelstimmung an den Terminmärkten und im Derivatehandel. Die Baisse der vergangenen Monate hat das Interesse an Aktien schrumpfen lassen und an den Aktienbörsen in aller Welt zu einem Umsatzrückgang geführt. Dagegen erlebten die Terminmärkte einen bislang noch nicht gekannten Run auf Aktien-Derivate (Optionen, Warrants und standardisierte Terminkontrakte).

So steigerte die weltgrößte Terminbörse Eurex während der ersten zehn Monate dieses Jahres ihren Umsatz auf das Rekordniveau von 556 Mill. Kontrakten. Dies ist vor dem Hintergrund des über viele Jahre hinweg bereits sehr dynamischen Geschäfts der Börse zu sehen, deren Start gerade einmal 13 Jahre zurückliegt. Zur Verdeutlichung: Im bisherigen Spitzenjahr 2000 hatte die Eurex bereits 454 Mill. Kontrakten umgesetzt. Eine weltweit niemals zuvor erreichte Höhe.

Zwar entfiel der größte Umsatz weiter auf Zins-Derivate doch eroberten Aktien-Derivate neues Terrain. Futures und Optionen auf Aktien und Aktienindizes brachten es während der ersten drei Quartale 2001 auf einen Umsatz von 113 Mill. Kontrakten, was gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum einem Plus von rund 80 % entspricht. Vergleicht man diese Entwicklung mit den Umsätzen am Kassamarkt so wird deutlich, dass Aktien von den Anlegern vernachlässigt und Aktien-Derivate favorisiert wurden. Der Aktien-Gesamtumsatz deutscher Börsen erreichte von Januar bis Oktober 2001 rund 175,5 Mill. Abschlüsse. Noch in den ersten zehn Monaten 2000 lag dieser Wert bei 230,5 Mill. Aus den USA werden ähnliche Umsatzentwicklungen berichtet. Chicagos Terminbörsen melden Umsatzsprünge, während NYSE und Nasdaq eine Umsatzflaute beklagen.

"Die Eurex bietet effektive Instrumente, mit denen Anleger unterschiedliche Strategien rasch und kostengünstig umsetzen", begründet Eurex-Sprecher Uwe Velten den Erfolg der Börse. "Die Anleger haben in den vergangenen Jahren gelernt, mit intelligenten Finanzinstrumenten wie Optionen und Futures und anderen strukturierten Produkten umzugehen", sagt Christina Mägerlein vom Bankhaus Sal. Oppenheim in Frankfurt.

Es sind verschiedene Merkmale, die Derivate für Anleger interessant machen. Zum einen sind es die im Vergleich zum direkten Aktieninvestment sehr geringen Kosten. Zudem haben diese Produkte eine hohe Hebelwirkung. Bei einem Bruchteil des Einsatzes im Vergleich zum direkten Aktienengagement können Anleger überdurchschnittlich von der Kursbewegung des Basiswertes (Aktie oder Index) profitieren. Daher können Derivate von Investoren auch als "Versicherungs-Instrument" gegen fallende Kurse eingesetzt werden. Der Anleger findet - vor allem in Aktienindex-Derivaten - an den Terminbörsen in der Regel einen sehr liquiden Markt vor.

"Derzeit prägen makroökonomische Einflussfaktoren das Börsenumfeld", weist Stephan Kunze von der ABN Amro Bank auf einen allgemeinen Trend zur Indexierung bei der Kapitalanlage hin. Dies wiederum wirke sich positiv auf das Derivategeschäft aus. Anleger seien wegen aktueller Erfahrungen wenig bereit, auf einzelne Aktien zu setzen. Daher fließe mehr Geld in Index-Derivate.

"Viele Investoren haben die Erfahrung gemacht, dass weder sie selbst, noch die meisten Fondsmanager den Gesamtmarkt schlagen", bestätigt Thorsten Michalik von der Deutsche Bank. In den USA seien inzwischen ein Drittel aller Kapitalanlagen in irgendeiner Form an einen Index gebunden, berichtet Sarah Brylewski von der ABN Amro Bank. Wer bei solchen Index-Investments eine größere Chance suche, setze konsequent auf die Hebelwirkung von Derivaten.

All die zuvor genannten Elemente weisen auch Optionsscheine, Discount-Zertifikate und andere strukturierte Aktienprodukte auf, die zuletzt auf großes Interesse stießen. So berichtet ABN Amro von einem enormen Anleger-Interesse für die jüngst von dieser Bank emittierten Turbo- und Short-Zertifikate, die im Prinzip nichts anderes darstellen als ein in Wertpapierform verpackter Futureskontrakt auf marktbreite Aktienindizes, mit denen Anleger sowohl auf steigende als auch auf fallende Indizes setzen können. "Die Anleger haben inzwischen begriffen, dass sie an der Börse nicht nur von steigenden, sondern auch von fallenden Kursen profitieren können", sagt Thorsten Michalik. Er belegt dies mit konkreten Zahlen. Der Anteil der Aktienindex-Puts an den hierzulande gehandelten Optionsscheinen ist von rund 32 % im Januar 2001 auf zuletzt über 65 % gestiegen.

Stephan Kunze hat Anzeichen dafür erkannt, dass "passive Investments" - und um nichts anderes handelt es sich bei indexierten Kapitalanlagen - ihren Höhepunkt erreicht haben. Obwohl sich die Anleger bei "Themenwetten" (Internet, Telekommunikation) in den vergangenen Monaten arg die Finger verbrannten, rechnet er damit, dass bei einer "Normalisierung" der Großwetterlage an den Börsen in den kommenden Jahren wieder ein Trend zur Einzelaktien-Selektion zu beobachten sein wird.

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